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„Der Nutzen des HTGF geht über die reine Seedfinanzierung hinaus“

Der High-Tech Gründerfonds feiert 15. Geburtstag. Einer der Initiatoren und Impulsgeber für den Frühphaseninvestor war 2005 Professor Dieter Jahn, der bei der BASF-Gruppe viele Jahre das Kompetenzzentrum „Science Relations and Innovation Management“ verantwortete. Den HTGF begleitet Jahn seit Beginn als Mitglied des Beirats. Im Interview erinnert er sich an die Anfänge, betont die Bedeutung des HTGF als Treiber von Innovation und erklärt, wie der HTGF jetzt und in Zukunft wichtige Impulse setzen kann.


Herr Professor Jahn, Sie sind seit 15 Jahren Mitglied im Beirat des HTGF, waren im Vorfeld Teil der Arbeitsgruppe, die sich den HTGF sozusagen ausgedacht hat. Wie ist die Idee für einen Seedinvestor als Public-Private-Partnership entstanden?

Damals sind drei Entwicklungen zusammengekommen. Zum einen gab es eine Initiative des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder, um mehr für Innovationen in Deutschland zu tun. Mit BASF waren wir damals daran beteiligt. Ich erinnere mich noch an eine Arbeitssitzung im Kanzleramt. Ich merkte an, dass wir in Deutschland zu wenig Wagniskapital für Startups haben. Nach der Sitzung kam ich dazu mit einem Vertreter des Bundeswirtschaftsministeriums ins Gespräch.

Im Wirtschaftsministerium gab es damals bereits Überlegungen, wie Innovation mithilfe von Risikokapital angeschoben werden kann?

Korrekt, das war der zweite Strang. Und drittens hatten wir als BASF selbst gesehen, dass wir– wie viele andere großen Konzerne auch – in der Frühphasenfinanzierung alleine nicht effektiv arbeiten können. Wir hatten also Interesse an einer Zusammenarbeit. Weil diese drei Strömungen zusammenkamen, gab es ein Fenster der Opportunität. Das war ein großes Glück.

Was meinen Sie damit, dass Konzerne allein nicht effektiv sind?

Große Firmen sind sehr limitiert in ihrer Innovationsfähigkeit. Vor allem dann, wenn sie erfolgreich sind. Dann gibt es keinen Grund sich zu verändern. Und selbst wenn ein Veränderungsbedarf mit den Händen zu greifen ist, gibt es plötzlich tausend Gründe, warum diese nicht relevant sein sollten. Die Elektromobilität lässt grüßen.

Startups können bei Innovation helfen?

Ja. Denn Startups können unter anderen Bedingungen Innovation betreiben als große Konzerne. Bei Startups in der Frühphase müssen Sie aber sehr breit in die Themen reingehen. Sie können sich das wie einen Trichter vorstellen. Am Anfang gibt es viele Möglichkeiten, dann wird es immer enger, bis am Ende wirklich ein innovatives Unternehmen entsteht. So breit, wie man zu Beginn eigentlich investieren müsste als Unternehmen – das bekommt man allein nicht gestemmt. Darum haben wir damals Partner gesucht und zum Glück ja auch gefunden. 

Heute gibt es zahlreiche Investoren aus der Privatwirtschaft, die sich an den Fonds des HTGF beteiligt haben.

Ich freue mich sehr darüber, dass sich über die Jahre immer mehr Investoren dem HTGF angeschlossen haben. Das zeigt den Erfolg. Es gibt inzwischen sehr viele Beispiele, in denen kleine Startups mithilfe der Finanzstärke großer Unternehmen erfolgreich geworden sind.

Wie profitieren die Fondsinvestoren des HTGF?

Der Nutzen des HTGF geht über die reine Seedfinanzierung hinaus. Der HTGF hat eine elementare Rolle in der Verbesserung der Innovationsfähigkeit unserer Volkswirtschaft. Das erscheint mir wichtig. Darum profitiert der größte Investor des HTGF – also die öffentliche Hand in Form von Bundeswirtschaftsministerium oder KfW – sehr. Der Bund bekommt sein Geld wieder, gegebenenfalls sogar einen Gewinn. Das ist außergewöhnlich.

Weil der HTGF als Venture-Capital-Fonds konzipiert ist?

Genau. Das ist der größte Gegensatz zu den klassischen Förderinstrumenten des Staates. Damit wird der HTGF natürlich zum perfekten Instrument für Innovationen.

Welchen Nutzen hat der HTGF für Fondsinvestoren aus der Privatwirtschaft?

Ich würde drei Dinge nennen. Zum einen ist es das „Window on Technolgy“. Unternehmen müssen ständig den Markt beobachten, wenn sie Innovation betreiben. Startups sind eine wichtige Quelle für neue technologische Entwicklungen und Business-Modelle. Der HTGF hat fast 600 Investments gemacht in den vergangenen 15 Jahren. Hier sind wertvolle Kontakte und tiefes Wissen um Innovation und technologische Entwicklungen entstanden, zu denen unsere Fondsinvestoren bei Interesse Zugang bekommen können. Dazu kommt die Vernetzung über Branchen hinweg.  Unsere Fondsinvestoren sind inzwischen sehr divers aus unterschiedlichen Industrieren. Ich persönlich habe immer gern von anderen Branchen gelernt, denn meine Branche kenne ich ja, da schmore ich im eigenen Saft. Darum ist der HTGF meiner Meinung nach eine großen Chance industrieübergreifend zu lernen und Innovation zu betreiben. Und drittens, bekommen Sie als Konzern Zugang zur Startup-Kultur. Die lässt sich zwar nicht eins zu eins in Großunternehmen übertragen, aber sie kann eben doch neues Denken stimulieren.

Sie sagten in einem Interview vor zwölf Jahren: „Wenn man als großes Unternehmen erfolgreich ist, besteht die Gefahr, dass man sich ausruht. Dann braucht man einen Stachel im Fleisch.“ Sind Startups heute auch noch dieser Stachel im Fleisch?

Ja, aber ich wünschte mir sogar, dass der Stachel noch tiefer sitzen würde als jetzt. Großunternehmen haben eine sehr harte Schale. Startups können große Unternehmen nicht grundsätzlich revolutionieren. Denn wenn der Stachel nur zu sehr weh tut – dann wird er einfach entfernt. Aber der externe Stachel ist wichtig.

Was sind Ihre drei Highlights aus 15 Jahren HTGF?

Dazu gehört mit Sicherheit, dass wir so zahlreiche Wirtschaftsinvestoren gewinnen konnten. Zum anderen begeistert mich die Entwicklung des HTGF von den Anfängen bis heute. Das war ja zu Beginn eine kleine Truppe mit zwei Geschäftsführern, die sich dann zu einer Organisation entwickelt hat, wie wir sie heute haben. Ein wichtiger Schritt war der Strukturwandel, den das Team hervorragend gemeistert hat. Und noch dazu hat es die Mannschaft geschafft, ein Ökosystem zu entwickeln und mit Plattformen wie dem Family Day auch international Beachtung zu finden. Das hatten wir zu Beginn gar nicht im Blick und ist ein beachtlicher Fortschritt.

Sie betonen sehr den Netzwerk-Gedanken, die Startups, das Team, das Ökosystem. Was erwarten Sie für die kommenden 15 Jahre?

Eine wichtige Aufgabe des HTGF bleibt, dass er breit aufgestellt ist, weil wir volkswirtschaftlich agieren. Das ist eine wichtige Funktion, darum wird der HTGF auch in Zukunft riskantere Investments machen. Die etablierten Unternehmen sind nun mal risikoscheu. Das ist kein Vorwurf, das ist einfach so. Das zu kompensieren ist eine Aufgabe des HTGF. Dabei muss der HTGF vor allem agil bleiben. 

Was meinen Sie damit?

Wir dürfen den HTGF nicht mit zu vielen Regularien überfrachten und wir müssen uns immer wieder neuen Herausforderungen stellen. Nehmen Sie die Corona-Krise. Hier hat der HTGF sehr gut funktioniert, hat voll aktiv und operativ gearbeitet und weiter investiert. Das ist eine großartige Leistung. Der HTGF spielt jetzt in der Krise sogar eine deutlich wichtigere Rolle als noch vor einem Jahr, als das Geld quasi auf der Straße lag. Jetzt und in Zukunft wird der HTGF weiter einen wichtigen Beitrag leisten, die Innovationsfähigkeit Deutschlands weiter voranzutreiben.