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Mit Leidenschaft und Fachwissen zum Milliarden-Exit

Dr. Bernd Goergen hat als Partner den bisher erfolgreichsten Exit des High-Tech Gründerfonds gesigned. Das US-Pharmaunternehmen Gilead Sciences hat das deutsche Biotech-Startup MYR Ende 2020 für rund 1,15 Mrd. € übernommen. Ein Gespräch über den Kampf gegen Hepatitis-D, Medikamenten-Entwicklung und persönliche Erfolgsmomente.


2011 habt ihr euch als HTGF an MYR beteiligt, 2020 kam es zum Milliardendeal. Trotzdem hast du gesagt, dass es für dich noch einen wichtigeren Moment in deiner persönlichen Geschichte mit MYR gab. Welcher ist das?

Der Exit ist natürlich wunderba, der Verkauf ist sozusagen die Kirsche auf der Torte. Aber es ist schon richtig, dass für mich der 31. Juli 2020 der vielleicht schönste Moment war. Ich habe nachts die Meldung bekommen, dass das Medikament, das MYR von der Präklinik bis einschließlich Markteinführung komplett in Eigenregie entwickelt hat, von der Europäischen Arzneimittel-Agentur die bedingte Zulassung bekommen hat. Ich habe am nächsten Morgen gleich einen Sekt aufgemacht.

Was für ein Medikament ist es?

Es heißt Hepcludex® und ist das erste und einzig zugelassene Arzneimittel gegen chronische Hepatitis-D-Infektionen. Es gibt weltweit zwischen 15 und 20 Millionen Betroffene, denen nun geholfen werden kann.

Investitionen in Life-Sciences-Unternehmen sind oft sehr langfristige Wetten. Es bedarf zahlreicher Studien bis ein Medikament zugelassen wird. Auf dem Weg bis zu einem Exit kann viel schief gehen. Wieso hatte dich MYR überzeugt?

Wir haben die Gründer im Jahr 2009 kennengelernt, das Team war sehr stark. Es bestand mit Dr. Alexander Alexandrov auf der einen Seite aus einem Experten, der sehr viel Fachwissen und Erfahrung aus der Medikamentenentwicklung mitgebracht hat. Zudem hatte Dr. Jörn Möller als zweiter Gründer sehr viel Finanzwissen und konnte das organisatorische Backbone für das Unternehmen aufbauen. Das wissenschaftliche Fundament und die damaligen Daten erschienen ohnehin herausragend. Wir haben 2011 dann zunächst 500.000 Euro investiert, um das Unternehmen aufzubauen und weiteres Kapital zu akquirieren. Das ist uns dann auch geglückt.

Ist eine solche Medikamentenentwicklung nicht sehr kapitalintensiv?

Ja, das kostet Geld, aber MYR hat höchsteffizient gewirtschaftet. Lange Zeit bestand das Unternehmen nur aus den zwei Gründern. Selbst heute sind es nur rund 35 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Nach dem Exit sprach ich mit dem ursprünglichen Erfinder der Wirksubstanz, Herrn Professor Stephan Urban, der noch immer an Universitätsklinik Heidelberg zum Thema Hepatitisviren forscht.  Er verglich den Werdegang der MYR mit einem Marathonläufer, der nahezu unbemerkt fast 42 km barfuß rennt und von dem das Publikum erst dann völlig überrascht Notiz nimmt, wenn er für die letzte Runde ohne Schuhe ins Stadion kommt und gewinnt. Eine sehr passende Analogie wie ich finde.

Was ist denn das Besondere an dem Wirkstoff?

Zunächst muss man wissen, dass das Hepatitis-D-Virus im Menschen nicht allein, sondern immer nur in Kombination mit dem Hepatitis-B-Virus vorkommt. Vermutlich erwarteten die meisten Investoren, dass es schneller ein echtes Heilmittel gegen Hepatitis B geben könnte, wodurch sich theoretisch auch das Hepatitis D-Problem erledigen würde. Das vernachlässigt jedoch die Tatsache, dass viele Millionen Menschen gibt, die an einer chronischen Hepatitis D-Infektion leiden und denen geholfen werden muss. Eine kurative Therapie gegen Hepatitis B gibt es jedenfalls bis heute noch nicht. Ich denke, dass die Attraktivität des Marktes und MYRs Geschwindigkeit schlicht unterschätzt wurden. Wir hingegen waren schon früh davon überzeugt, dass es sinnvoll wäre, zunächst etwas gegen die kleinere Indikation, Hepatitis D, zu unternehmen, um später zu prüfen ob der Wirkstoff auch etwas bei Hepatitis B bewirkt.

Warum?

Das Hepatitis D Virus ist ein ziemlicher Schmarotzer. Es benötigt zur Vermehrung die Hülle des Hepatitis B Virus und „stiehlt“ sich diese quasi. Hepcludex® ist eine sog. „Entry Inhibitor“. Sein Wirkmechanismus beruht darauf, die Andockstellen auf der Leberzelloberfläche zu blockieren und verhindert damit die Virusausbreitung von Zelle zu Zelle. Da die Hüllen identisch sind, theoretisch also ein hochinnovativer Ansatz gegen beide Viren. Die Biologie des Hepatitis B Virus ist allerdings deutlich komplexer, weswegen hier womöglich nur eine Kombination von mehreren antiviralen Strategien zum Erfolg führt. Hepcludex® könnte dabei eine wichtige Rolle spielen. Dafür gibt es aber noch keine hinreichenden klinischen Beweise.

Du bist selbst Hepatitis-Experte: Hat dir das Fachwissen beim Investment geholfen?

Auf jeden Fall. Über Diplom- und Doktorarbeit, Post-Doc-Zeit und sieben Jahre Marketing in der Hepatitis-Diagnostik konnte ich ein intensives Gefühl für die Erkrankung und ein weitreichendes Netzwerk zu Meinungsbildnern aufbauen. Auch später im Investmentbanking war ich mit dem Thema befasst.
Andererseits birgt tiefes technologisches Fachwissen beim Investieren auch immer die Gefahr, dass man sehr auf Risiken und weniger auf die Chancen fokussiert, weil man weiß was auch alles schiefgehen kann. Ich habe einen Großteil meines Berufslebens dem Thema gewidmet und es scheint als hätten wir beim HTGF die richtige Balance gefunden.  

Deswegen ist der Tag der Medikamentenzulassung auch so wichtig für dich?

Wie gesagt freue ich mich sehr über den Exit. Aber für die Menschen, die nun mit einem neuen Medikament behandelt werden können, war der Tag der Zulassung deutlich wichtiger.

Bernd, vielen Dank für das Gespräch.

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