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Investments im Digital Health: Erfolgreich durch Mut zum Risiko und interdisziplinären Ansatz

Der High-Tech Gründerfonds (HTGF) investiert bereits seit 2010 in Start-ups an der Schnittstelle zwischen Gesundheitswesen und digitalen Lösungen. Im Gespräch geben unsere Senior Investment Manager Louis Heinz (Digital Tech) und Niels Sharman (Life Sciences) Einblicke in die Synergien, die sich aus den unterschiedlichen Blickwinkeln des HTGF-Teams ergeben und ziehen Bilanz, wo der Sektor in Deutschland und international steht.

Louis Heins und Niels Sharman, Senior Investment Manager beim HTGF

Die Digitalisierung ist aus unserer Gesellschaft und Wirtschaft nicht mehr wegzudenken. Was macht den Trend im Gesundheitswesen für euch so interessant?

Louis: Digitale Lösungen im Gesundheitswesen als Makro-Trend werden immer relevanter und sind integral um bestehende Probleme zu lösen. Die Frage ist: Wann passiert das in der Breite und welche Geschäftsmodelle setzen sich durch? Immer mehr Investoren erkennen das und setzen auf Digital Health. Und das heißt, dass aussichtsreiche Unternehmen vergleichsweise gute Chancen bei Anschlussfinanzierungen haben. Im spezifischen Feld der Digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGAs) fasziniert mich, dass an der Schnittstelle zwischen Technologie und medizinischer Wissenschaft validierte Therapien entstehen. Alle in das Verzeichnis erstattungsfähiger DiGAs aufgenommenen Anwendungen sind durch Studiendaten validiert und haben eine wissenschaftliche Evidenz. Und das schafft Eintrittsbarrieren gegenüber Nachahmern.

Niels: Was mich zusätzlich fasziniert ist, dass man im Idealfall mit einer doch relativen ‚low-cost‘-Lösung eine Win-win-Situation für die Patientinnen und Patienten, für die Ärztinnen und Ärzte, das Gesundheitssystem und gegebenenfalls auch für Pharmaunternehmen kreiert. Patientinnen und Patienten werden zum Beispiel befähigt, ihre Krankheit besser zu managen, die Einnahme der Medikamente zu begleiten und dadurch etwa Nebenwirkungen zu reduzieren. Die Pharmabranche kriegt anonymisierte ‚real life‘-Daten zurückgespielt, wie die Medikamente zum Behandlungserfolg führen, welche Nebenwirkungen auftreten und, ob die Patientinnen und Patienten das Behandlungsschema einhalten können. Diese Erkenntnisse können zukünftige Forschungs- und Entwicklungsprozesse optimieren. Und für die Ärztinnen und Ärzte, die viele Patientinnen und Patienten im Auge behalten müssen, sind diese digitale Lösungen eine sehr gute Überbrückung zwischen den persönlichen Terminen.

Der HTGF hat bereits in ein recht breites Portfolio an Digital Health-Start-ups investiert. Gibt es eine besondere Herangehensweise an das Thema?

Louis: Was den HTGF ohne Zweifel auszeichnet, ist, dass wir sowohl die Digitalkompetenz als auch die Life Science- oder Pharma-Kompetenz bündeln. Bei sehr fokussierten Life Science-Investoren kann es Verständnishürden geben, wenn es zu ‚digital‘ wird und Themen wie Customer Acquisition Costs, Kunden-Kanäle etc. im Vordergrund stehen. Andererseits fremdeln Tech-Investoren teilweise, wenn es um Regulatorik oder die Analyse klinischer Datensätze geht. Beim HTGF sind wir zwar zwei Teams, aber wir stehen im regelmäßigen Austausch über den Markt und die Chancen, die sich dem Fonds präsentieren.

Niels: Dem stimme ich zu. Aber selbst mit diesen beiden Perspektiven muss man am Ende stets bereit sein, Risiken einzugehen und in noch nicht etablierte, mitunter noch nicht erprobte Geschäftsmodelle zu investieren, wie es bei Digital Health-Unternehmen eben oft der Fall ist. Durch unsere Positionierung als Frühphasen-Investor ist das „risk taking“ quasi Teil unserer DNA. Wir sind häufig der erste institutionelle Investor, manchmal aufbauend auf einer Business Angel-Runde, und arbeiten als Wegbereiter eng mit den jungen Teams zusammen. Dadurch sind wir, glaube ich, auch ein Stück weit einer der Vorreiter bei Investments in Digital Health in Europa geworden. Immerhin investieren wir seit 14 Jahren in diesem Bereich. In einer Zeit also, in der sich der Begriff Digital Health erst entwickelte.

Könnt ihr Gründerinnen und Gründern ein paar Tipps geben, worauf ihr achtet und was euch aus Investorensicht überzeugt?

Niels: Dadurch, dass wir in der sehr frühen Phase investieren, ist natürlich das Team immens wichtig. Dabei zählt der individuelle Track Record, aber auch, dass sich die Expertisen ergänzen. Durch diese angesprochene Dualität, die Pharma- und Technologie-Welt, müssen sich auch Gründerteams durchmanövrieren. Aber ich glaube, wenn man das clever anstellt, dann kann man aus beiden Welten das Beste mitnehmen.

Louis: Genau. Teams, die die richtigen Kompetenzen haben, beide Welten unter einen Hut zu bekommen, sind entscheidend. Darüber hinaus suchen wir natürlich Fälle mit einer Technologiekomponente, die nicht so einfach reproduzierbar ist, oder Start-ups mit einem wirklich innovativen Geschäftsmodell. Die ‚digital edge‘, also was konkret durch die digitale Komponente Neues ermöglicht wird, sollte herausgearbeitet sein.

Wo steht der Sektor international derzeit und könnt ihr ein Ausblick in die Zukunft wagen?

Niels: Wir stehen, denke ich, wirklich noch relativ am Anfang der Entwicklung. Spannend wird es, wenn durch ein weiteres Aufbrechen der Datensilos und die zunehmende Digitalisierung aller Prozesse – die elektronische Patientenakte, Krankenhaussoftware, die Schnittstellen zu Ärztinnen und Ärzten, Krankenkassen und Pharmakonzernen – ein verzahntes Ökosystem entsteht, umfangreiche Datenschätze erschlossen und Synergien realisiert werden können. Sicherlich sind dabei alle Marktteilnehmenden in der Pflicht sicherzustellen, mit den sensitiven Daten sorgsam umzugehen, aber das wird sich lösen lassen. Dadurch und durch noch mehr klinische Studiendaten wird es denke ich unwiderruflich sichtbar werden, dass es für das Gesundheitssystem Sinn macht, diese digitalen Lösungen in der Breite zu integrieren.

Louis: Wirtschaftlich betrachtet hoffe ich, ein paar erste größere Exits zu sehen – Firmenübernahmen oder Börsengänge. Dies würde dem gesamten Ökosystem helfen. Fortschritte bei einer europaweiten Regulierung zur Erstattungsfähigkeit von DiGAs wären auch sehr positiv. Frankreich und Belgien machen den Weg für DiGAs frei und in anderen EU-Staaten bewegt sich auch etwas. Was dann wiederum bedeutet, dass man nicht nur lokale Player, sondern europäische Champions bauen kann, die dann wiederum in die USA expandieren oder gegebenenfalls auch mal von US-Unternehmen aufgekauft werden können. Darauf freue ich mich.

Vielen Dank für das Gespräch!

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