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Der Mehrwert von Kooperationen

Wie können sich etablierte Unternehmen und Start-ups Seite an Seite entwickeln? Das Geheimnis heißt Kooperation, auf die der HTGF besonderen Wert legt. Alex von Frankenberg, Geschäftsführer des HTGF, zeigt anhand verschiedener Beispiele aus den rund 200 Kooperationen zwischen Portfoliounternehmen und Fondsinvestoren, warum die Rechnung 1 + 1 = 3 aufgeht.


Herr von Frankenberg, wie würden Sie die zentrale Aufgabe des HTGF definieren? 

Wie die Bezeichnung „Seed-Investor“ schon andeutet, sind wir regelmäßig der erste Investor eines Start-ups – allein, aber natürlich auch sehr gern mit anderen Investoren zusammen. Dabei stellen wir sicher, dass das Unternehmen nach der Seedrunde gut aufgestellt ist. Zum Beispiel achten wir darauf, dass das IP vollständig im Unternehmen verbleibt, Reporting-Prozesse oder ein Beirat etabliert werden.  Wichtigstes Ziel in der Seedphase ist die Akquisition einer A-Runde. Dafür bleibt oft nur wenig Zeit, zwölf bis achtzehn Monate. Wir helfen bei strategischen Themen wie Product-Market Fit, unterstützen durch unser Netzwerk an Kontakten bei Recruitingbedarf und vermitteln im Fundraising, z.B. beim Öffnen von Türen zu Folgeinvestoren.  

Häufig ist vom HTGF als Schnittstelle zwischen Portfolio-Unternehmen und den Fondsinvestoren die Rede. Wie sieht diese spezifische Rolle aus? 

Dazu muss man verstehen: Unseren privaten Investoren geht es nicht nur um die Rendite. Natürlich spielt diese auch eine Rolle. Aber sie setzen vor allem auf einen inhaltlichen Mehrwert.  

Der wäre? 

Wir arbeiten über das reine Fondsinvestment hinaus eng zusammen. Es ist uns ein großes Anliegen, unseren Geldgebern Zugang zu unserem Wissen, unserer Erfahrung und unserem Netzwerk aus den vergangenen 16 Jahren zu geben. Wir kümmern uns um Kooperationen zwischen den Fondsinvestoren und unseren Portfolio-Unternehmen. Wir wollen die Innovationskraft unserer Fondsinvestoren stärken, sie inspirieren, untereinander vernetzen und ihnen natürlich auch die Möglichkeit zu Co-Investitionen oder Übernahmen geben. 

Sie haben das Thema Kooperationen angesprochen. Wie hat man sich diese vorzustellen? 

Da gibt es verschiedene Formen. Zum Beispiel F&E-Kooperationen, es wird zusammen geforscht. Dann gibt es Vertriebskooperationen, wo das große Unternehmen seine Power nutzt, um das Produkt des jungen Unternehmens (weltweit) zu vertreiben. Oder: Beide kaufen gemeinsam ein und nutzen die besseren Konditionen von dem, der deutlich mehr Gewicht in die Waagschale werfen kann. Es kann aber auch in eine ganz andere Richtung gehen: Mit unserem Fitness-Unternehmen eGym sorgen unsere Fondsinvestoren Fraunhofer, EWE, DHL für fitte und gesunde Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. 

Rückblickend auf die vorausgehenden Fonds: Was sind Beispiele für besonders erfolgreiche Kooperationen? 

Da gibt es eine ganze Menge. Wir haben bisher in Summe schließlich bereits rund 200 Kooperationen gezählt. Mir fällt da spontan zum Beispiel Juniqe ein, ein Online-Shop für Kunstfans, bei dem wir seit 2014 engagiert sind. Juniqe ist eine enge Kooperation mit unserem Investor Cewe eingegangen. Europas größter Fotodienstleister produziert für Juniqe und generiert so nicht nur Umsatz, sondern lernt auch vom Ansatz, vom Spirit des Start-ups. Unser Fondsinvestor Bosch und das Bonner Start-up Code Intelligence bündeln ihre Kräfte, um Software im Automobilbereich sicherer zu machen. Ein anderes Beispiel ist das Schweizer Start-up AMAL Therapeutics, das wir gemeinsam mit unserem Fondsinvestor Boehringer Ingelheim finanziert haben. 2019 hat Boehringer das Unternehmen dann für einen dreistelligen Millionenbetrag gekauft. 

Aus eins und eins werden sozusagen drei? 

Exakt. Im günstigsten Fall springt der Innovationsfunke über. Das kleine Unternehmen bringt eine neue Technologie oder ein neues Geschäftsmodell mit, das große lernt davon – ohne dem Portfolio-Unternehmen Konkurrenz zu machen. Die Investoren erhalten nicht nur Impulse und Einblicke, um den kulturellen Wandel und die Digitalisierung zu beschleunigen. Sie können auch ihr Kerngeschäft gezielt weiterentwickeln bzw. ergänzen. Das hat etwa im Fall von Solandeo ganz ausgezeichnet funktioniert. Die Kompetenzen des Berliner Technologieunternehmens liegen in Smart-Metering-Lösungen sowie in intelligenten Prognose- und Analytik-Produkten. Ein großes Energieunternehmen wie die EWE AG hat das natürlich sofort – im wahrsten Sinne des Wortes – elektrisiert. Die Oldenburger haben sich nicht nur an Solandeo beteiligt, sondern beide Seiten arbeiten gemeinsam daran, die Energiewende zum Erfolg zu führen.  

Welche Aufgaben übernimmt der HTGF in diesem Prozess? Sind Sie „Matchmaker“ oder gar „Date Doctor“?  

Wir bringen beide Seiten zusammen und legen großen Wert auf den Austausch. Jeder Fondsinvestor wird von zwei erfahrenen Investmentmanagern als zentralen Ansprechpartnern betreut. Deren Aufgabe ist es, passend zu den Suchprofilen der Fondsinvestoren Unternehmen im Dealflow, Portfolio oder auch darüber hinaus im Markt zu finden. Das passiert insbesondere auch auf unseren regelmäßigen Events, wie dem HTGF Family Day und den HTGF Partnering Days. Häufig hätten sich beide Seiten ohne unser Zutun gar nicht gefunden. Häufig sprechen Start-ups und Konzerne auch unterschiedliche Sprachen. Da hilft es, wenn jemand als eine Art „Dolmetscher“ fungiert. 

Zuweilen brauchen beide Seiten gar keinen Dolmetscher. Da passt es so gut, dass der Investor das Start-up gleich komplett übernimmt.  

Ja, diesen Fall hatten wir in der Vergangenheit schon elfmal – gerade erst bei JeNaCell. Dabei handelt es sich um ein Biotech-Unternehmen, was ein naturidentisches Material entwickelt, das in der Dermatologie und Medizintechnik zur Versorgung von Wunden und bei Verbrennungen eingesetzt wird. 2012 war der HTGF einer der ersten Seed-Investoren. Der Spezialchemie-Konzern Evonik hatte sich 2015 über den eigenen Venture-Capital-Arm an JeNaCell beteiligt und integriert jetzt das Portfolio in sein Healthcare-Geschäft. Ein guter Beleg, wie bei uns Fondsinvestoren und Start-ups auch langfristig zusammenkommen.  

Wenn ich das richtig verstehe, ist ein Kennzeichen dieser Kooperationen, dass der „Erkenntnisgewinn“ in beide Richtungen verläuft. 

Das muss auf jeden Fall so sein, denn unsere Arbeit soll klar zu einer Win-win-Situation führen. Das große Unternehmen weiß etwas, es kann etwas. Für das kleine gilt das Gleiche. Beide tauschen sich aus, teilen ihr jeweiliges Know-how miteinander. Eins plus eins sind regelmäßig nicht drei, sondern eher fünf – wir sehen regelmäßig ganz erhebliche Synergien. Wichtig ist: Dauerhaft klappen Kooperationen nur, wenn beide Seiten davon profitieren. Und noch mal: Natürlich will der High-Tech Gründerfonds, dass sich sein Portfolio gut entwickelt. Aber genauso wichtig ist es, dass wir unsere Fondsinvestoren dabei unterstützen, ihre Ziele zu erreichen. Beides klappt prima. 

Hat sich die Start-up-Szene in Deutschland im letzten Jahrzehnt eigentlich gewandelt?  

Ich denke schon. Wir sehen viele „Wiederholungstäter“, also Gründer:innen, die schon Erfahrungen haben. Das gab es früher eher kaum. Außerdem ist die gesamte Szene gereift. Die jungen Unternehmenslenker sind fitter, professioneller, besser. Sie wissen genau, was sie machen wollen. Und – das freut mich besonders: Viele Gründerinnen und Gründer sind ambitionierter, setzen sich hohe Ziele.  

Und der High-Tech Gründerfonds hilft ihnen dabei, diese zu erreichen? 

Durchaus – wir verstehen die besonderen Herausforderungen, die auf Gründer:innen warten, und kennen ihre Bedürfnisse. Neben flexibler Finanzierung bieten wir den Start-ups wichtige Mehrwerte, zugeschnitten auf ihre individuelle Situation. Wir sind (in erster Linie) strategischer Sparringspartner sowohl für unsere Portfolio-Unternehmen als auch für unsere Fondsinvestoren. Für unsere Fondsinvestoren sind wir die Plattform, die Zugang zu Start-ups bietet und damit Zugang zu den Innovationen von morgen – im Prinzip einen Blick in die Zukunft. 

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