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2024: Trends, Chancen und Herausforderungen für Gründer:innen

Welche Trends und Technologien sind 2024 zu erwarten? Und welche Chancen und Herausforderungen ergeben sich für Gründerinnen und Gründer? Unsere Partner:innen Dr. Markus Kückelhaus, Dr. Angelika Vlachou und Markus Kreßmann wagen einen Ausblick für unsere Investmentbereiche Industrial Tech, Life Sciences & Chemie und Digital Tech.


Industrial Tech, Deep Tech und Climate Tech: Perspektiven von Dr. Markus Kückelhaus

Im klassischen Industrial Tech Cluster, also in Bereichen wie Robotik, IoT oder Sensorik, war das vergangene Jahr von stärkerer Zurückhaltung der Investoren geprägt. Makroökonomische Bedingungen werden auch 2024 das Marktumfeld erschweren. Wenn die Technologien nicht disruptiv sind, sind sie per se für Investoren nicht so attraktiv, insbesondere Komponentenlösungen haben es schwer. Kunden bevorzugen Komplettlösungen.

Mit Blick auf unsere Cluster Deep Tech und Climate Tech sieht es deutlich positiver aus. Es gibt einzelne Bereiche, in welchen wir bis zu 50% Wachstum bei den Investitionsvolumina sehen. Gerade in AI, New Space oder Quantentechnologien waren Investoren trotz der wirtschaftlichen Lage sehr aktiv, und das wird auch so bleiben.

Markus Kückelhaus
Dr. Markus Kückelhaus, Partner beim HTGF

Zukunftsthemen wie Quantentechnologien werfen nicht die Frage auf, ob, sondern welche Kerntechnologie sich durchsetzen wird. Hier wird viel Peripherie benötigt, z.B. in der Vernetzung und Verkabelung, unabhängig davon, welcher Ansatz sich durchsetzt.

Climate Tech bleibt 2024 ein hochaktuelles Thema. Wir sind sowohl in den klassischen erneuerbaren Energien als auch in Zukunftsthemen wie der Kernfusion investiert. Über die Energieerzeugung hinaus werden Netze, Infrastruktur und die damit verbundenen Geschäftsmodelle auch im kommenden Jahr von hoher Relevanz sein. E-Fuels sind auf dem Vormarsch, insbesondere im Flug- und Schiffsverkehr gibt es große Potenziale wie auch die aktuelle Series B-Finanzierungsrunde der INERATEC unterstreicht. Die Herausforderungen liegen nicht nur in der Technologie, sondern auch in der Auswahl geeigneter Standorte, den benötigten Mengen an grünem Strom und auch der CO2-Gewinnung für ihre Herstellung.

Deep Tech und Climate Tech sind daher aus VC-Sicht weiterhin sehr attraktiv. Allerdings erfordern sie aufgrund ihrer Kapitalintensität ergänzende Finanzierungsmodelle. Öffentliche Fördermittel sind hier unverzichtbar und dienen als non-dilutive Finanzierung neben dem klassischen Risikokapital.

Schon vor der Gründung muss ich mir als Gründerin oder Gründer darüber Gedanken machen, wie ich Fördermöglichkeiten vor oder nach Gründung optimal nutze, um meine Technologie möglichst weit zu bringen. Hierbei handelt es sich um einen Marathon, nicht um eine Kurzstrecke, und es erfordert einen anderen Blickwinkel als den auf einen schnellen Exit.

Ein sehr gutes Beispiel für eine erfolgreiche Finanzierung in solch einem Kontext ist traceless materials, die kürzlich eine beträchtliche Series A-Finanzierung erhalten haben, um eine Demonstrationsanlage zu bauen. Die Gründerinnen haben sich intensiv um non-dilutive Gelder bemüht. Zuverlässige Finanzierungspartner, die auch in späteren Runden relevante Beträge beisteuern können, sind entscheidend.


Was birgt 2024 für die Life Sciences? Ein Ausblick von Dr. Angelika Vlachou

Im Jahr 2024 wird die Präzisionsmedizin, die die zielgerichtete und personalisierte Diagnose und Therapie umfasst, eine noch größere Rolle in der Gesundheitswirtschaft spielen. Heutzutage ist Künstliche Intelligenz und Big Data für alle das große Thema. Diese Tools (Technologien) ermöglichen die Verarbeitung und Bewertung großer Datenmengen und unterstützen Ärztinnen und Ärzte, evidenzbasierte Entscheidungen zu treffen. Patientinnen und Patienten helfen KI und Algorithmen, ihre Erkrankungen besser zu verstehen. Der Fokus liegt auf patientenzentrierter und datengetriebener Medizin, neben Evidenz und positivem Kosten-Nutzen-Verhältnis, spielt Datenschutz eine immer wichtigere Rolle.

In der zielgerichteten Therapie wird die Verbindung von Genen mit Krankheitsursachen die Pharmaindustrie weiter vorantreiben. Seit 2021 sind RNA-Technologien und Therapien mit RNA am Menschen angekommen. Sie werden in der Behandlung weiterer Indikationen eine Schlüsselrolle spielen. Ebenso können Zell- und Gentherapie langersehnte Wendepunkte in der Therapie von Krebs, immunvermittelten Erkrankungen, Anämien, genetische Erkrankungen, Autoimmunerkrankungen wie MS und bestimmten Diabetesformenzukünftig viele Menschenleben retten. Beispielsweise CAR-T-Zelltherapien, die bereits erfolgreich bei Blutkrebs eingesetzt werden, stehen in den Startlöchern gegen solide Tumore.

Angelika Vlachou
Dr. Angelika Vlachou, Partnerin beim HTGF

Im Bereich der zielgerichteten Krebstherapien zeigt sich weiterhin großes Potenzial für Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (ADC). Sie boomen in der Biotech-Industrie mit steigenden Investitionen und M&A-Abschlüssen. Die Übernahme unseres Portfolio-Unternehmens Emergence Therapeutics durch ein globales Pharmaunternehmen und die milliardenschwere strategische Lizenzvereinbarung unseres Portfoliounternehmens Tubulis mit Bristol Myers Squibb spiegeln das wachsende Interesse an diesen Entwicklungen wider. Eine vielversprechende Zukunft zeichnet sich auch für zielgerichtete Radiopharmazeutika ab. Zielgerichtete Moleküle, die spezifisch Strukturen auf Tumorzelloberfläche oder der DNA einer Tumorzelle erkennen und binden. Radioaktivität, die an diese zielgerichteten Moleküle gekoppelt ist, wird mit hoher Effizienz über die Blutbahn in das Krebsgewebe eingebracht. Ähnlich wie mit ADCs können auch hier kleine Tumore und Metastasen effizient erreicht werden.

Das Finanzierungsumfeld hat sich spürbar verschärft, sowohl im Seed-Bereich als auch in der Anschlussfinanzierung. Die makroökonomischen Bedingungen stellen Gründerinnen und Gründer vor Herausforderungen, wobei diese Schwankungen im Life-Science-Bereich weniger stark gegenüber anderen Wirtschaftsbereichen ausgeprägt sind, da die Gesundheit immer im Fokus steht. Trotz einer leichten Erholung im letzten Quartal 2023 agieren Investoren zurückhaltend und reaktiver, konzentrieren sich vermehrt auf ihr eigenes Portfolio, und Gründerinnen und Gründer müssen nun umfassendere Vorarbeiten liefern, um zu überzeugen.
Exzellente Forschung allein reicht nicht aus; es bedarf eines unternehmerischen Teams, das die Innovation erfolgreich vorantreibt und in der Lage ist, aus Entwicklung ein marktfähiges Produkt oder eine Anwendung zu entwickeln. Coaching oder Teamergänzungen mit einem ausgeprägten unternehmerischen Mindset sind dabei wichtig. Gründerinnen und Gründer müssen ihre Innovationen aktiv kommerzialisieren und bereit sein, an der Weiterentwicklung zu arbeiten. Die Aufstellung eines Teams mit einem Verständnis für die Wissenschaft und der Fähigkeit, diese in einen Geschäftsplan in Richtung Investoren und strategische Partner zu vermitteln, ist dabei von entscheidender Bedeutung.

Die Botschaft an Gründerinnen und Gründer ist klar: Komplementäre Teams zusammenstellen, Netzwerke bilden, aktiv am Austausch teilnehmen und die Bereitschaft wissenschaftliche Daten in ein tragfähiges Geschäftsmodell zu überführen, das am Ende zur Kommerzialisierung eines Produkts oder einer Anwendung führt. Dies sind wesentliche Schritte für erfolgreiche Life-Science-Gründungen.


Markus Kreßmann über Trends und Chancen im Digital Tech

Für das Jahr 2024 zeichnen sich weiterhin spannende Entwicklungen ab, insbesondere im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Die Diskussionen über die Möglichkeiten und Grenzen von KI werden auf allen Ebenen weitergehen. Dabei wird insbesondere der Einsatz in Unternehmen eine zentrale Rolle spielen. Die jüngste 500 Mio. € Finanzierungsrunde von Aleph Alpha, an der sich unsere Fondsinvestoren SAP, Bosch und die Schwarz-Gruppe beteiligt haben, verdeutlicht das Bestreben, KI in Produkte und Prozesse zu integrieren und damit passgenaue Lösungen für Unternehmen anzubieten.

Ein weiterer wichtiger Trend liegt wie in den letzten Jahren im Bereich IT-Security. Mit der zunehmenden Digitalisierung von Gesellschaft und Unternehmen steigen die Anforderungen an den Schutz sensibler Daten. Hier haben wir mit unserem Portfolio in der Vergangenheit bereits große Erfolge erzielt, wie zuletzt der Exit von DRACOON an Kiteworks im Bereich sicherer Datentransfer.

Markus Kressmann
Markus Kressmann, Partner beim HTGF

Das dritte Schlüsselthema betrifft die Umwälzungen im Energiebereich. Hohe und auch stark schwankende Energiepreise zwingen Unternehmen, ihren Energieeinkauf zu optimieren und nach Einsparpotenzialen im Produktionsprozess zu suchen. Softwarelösungen spielen dabei eine entscheidende Rolle, um Energiekosten zu senken und den Verbrauch effizienter zu gestalten. Dabei ist auch die Nachhaltigkeit ein zentraler Aspekt, beispielsweise durch intelligente Lösungen zur Energieprognose und -verteilung.

Krypto- und Blockchain-Technologien werden auch 2024 ein wichtiges Thema sein. Das grüne Licht der SEC für die ersten Bitcoin Spot ETFs in den USA und das anstehende Bitcoin-Halving werden für deutlich gesteigertes Marktinteresse sorgen. Zudem wird dies die weiteren Entwicklungen und intelligente Lösungen im Bereich Krypto und Blockchain beschleunigen. Vor diesem Hintergrund werden insbesondere traditionelle Vermögensverwalter, Versicherungen und Banken auf disruptive Lösungen aus dem Krypto-Startup-Bereich angewiesen sein, da externe Kräfte bei diesen Technologien oft weiter sind als interne.

Das aktuelle Investitionsumfeld stellt sich im Vergleich zu den Krisenjahren nach 2008 oder 2001 differenziert dar. Im Gegensatz zu damals, als wenig bis gar kein Geld auf dem Markt war, investieren Investoren heute weiterhin, wenn auch selektiver. Auch wenn sich das Investitionsklima im Vergleich zu den Boomjahren 2020 und 2021 verändert hat, können Start-ups weiterhin erfolgreich am Markt agieren. Unternehmen mit passenden Lösungen für echte Probleme, die ein gut funktionierendes Geschäftsmodell mit substanziellem Wachstum haben und durch ein erstklassiges Team geführt werden, stehen besonders im Fokus der Investoren. Insbesondere der Faktor Mensch ist entscheidend: Ein Team, das in allen Funktionen – von der Technologie über das Produkt bis hin zum Sales – gut und vertrauensvoll zusammenarbeitet, hat die Chance, auch in weniger dynamischen Wachstumsphasen sehr erfolgreich zu sein.

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