2026 ist kein Hype-Jahr – sondern ein Realitätscheck für Startups
Was entscheidet 2026 über Erfolg oder Scheitern von Startups? KI als Produktivitätshebel, kapitaldiszipliniertes Wachstum und technologische Resilienz rücken in den Mittelpunkt. Wir haben drei Partner des HTGF gefragt, welche Strategien jetzt tragen und was die erfolgreichsten Gründerinnen und Gründer unterscheidet.
Ihre Perspektiven decken zentrale Zukunftsfragen ab: Dr. Tanja Emmerling mit Fokus auf KI, Organisationsdesign und Skalierung, Gregor Haidl mit Blick auf Industrial & Deep Tech sowie Dr. Nik Raupp mit seiner Expertise zu Nachhaltigkeit, Resilienz und Internationalisierung.

Welche Trends prägen 2026 – und welche sind vorbei?
Gregor Haidl:
2026 steht im Zeichen der europäischen technologischen Souveränität. Nach Jahren des Rückstands investiert Europa massiv in eigene Lösungen für Raumfahrt, AI & Computing, Energie oder Defense. Dies sind langfristige Entwicklungen, die nicht nur das Jahr, sondern die ganze Dekade prägen werden.
Parallel dazu erleben wir eine Renaissance von Industrial Tech: Der enorme Transformationsdruck rückt inkrementelle Innovationen in den Hintergrund; Robotics und KI-gestützte Forschung & Entwicklung werden durch den Fachkräftemangel und immer kürzere Entwicklungszyklen zum Pflichtprogramm für die produzierende Industrie.
Das Paradigma „Wachstum um jeden Preis“ ist passé.
Die Zeit undifferenzierter Finanzierungswellen ist vorbei; Substanz schlägt ab sofort bedingungslose Skalierung.
Tanja Emmerling:
Das Thema Künstliche Intelligenz bleibt. Doch über die technologische Dimension hinaus verändert KI grundlegend die Art, wie Unternehmen gegründet werden.
Erfolgreiche Teams nutzen KI-gestützte Entwicklung und Automatisierung, um Geschäftsmodelle in Rekordzeit zu validieren, Organisationen von Beginn an radikal schlank aufzusetzen und mit minimalem Burn-Rate früh profitabel zu werden.
KI fungiert als entscheidender Hebel,
um die Personalressourcen des Unternehmens effizienter zu skalieren, gebündelte Expertise zu nutzen und die Margen zu optimieren. In der oft kritischen Early-Stage-Phase kann diese technologische Hebelwirkung den entscheidenden Wettbewerbsvorteil darstellen.

Dr. Nik Raupp:
2026 wird vermutlich leider noch stärker ein Jahr der geopolitischen Dauerkrisen und Umbrüche. Während langfristige Themen wie der Klimawandel teils weniger Aufmerksamkeit erfahren, rücken zirkuläre Geschäftsmodelle und die Nutzung lokaler Abfallströme als DIE Chance für die europäische Wirtschaft in den Fokus.
Es reicht nicht mehr, nur wettbewerbsfähige Herstellkosten zu haben. Die lokale und europäische Verfügbarkeit von Rohstoffen muss zwingend mitgedacht werden. Was geht: Wir verabschieden uns von der Annahme, dass globale Lieferketten immer funktionieren.
Der Fokus verschiebt sich hin zu technologischer Resilienz.
Was müssen Gründer:innen 2026 unbedingt beachten?
Dr. Tanja Emmerling:
Erfolgreiche Gründer fokussieren sich 2026 kompromisslos auf Geschwindigkeit. Die Anforderungen an Performance steigen spürbar. Das gilt nicht nur bei klassischen KPIs, sondern vor allem beim Tempo von Entscheidungen, Produktentwicklung und Markteintritt.
Gründer treffen Entscheidungen früh, testen schnell und akzeptieren Unschärfen, wo andere noch absichern.
Organisation, Produkt und Go-to-Market sind darauf ausgelegt, Geschwindigkeit auch unter wachsender Komplexität zu halten.
Gleichzeitig denken sie global und lassen sich von politischen Isolationstendenzen nicht ausbremsen. Erfahrene VCs wirken dabei als Sparringspartner für Fokus, Timing und Skalierung, damit Geschwindigkeit zum nachhaltigen Wettbewerbsvorteil wird.

Gregor Haidl:
Besonders für Teams außerhalb der großen Hype-Themen gilt:
Substanz schlägt Storytelling.
Narrative sind wichtig, tragen aber nur, wenn sie durch belastbare KPIs und einen klaren Kommerzialisierungspfad untermauert sind.
Investoren fordern heute eine deutlich höhere kommerzielle Qualität und operative Performance. Ein erfolgreicher Pitch 2026 braucht die Balance aus großer Vision, nachvollziehbarem Customer Value sowie messbaren Unit Economics.
Dr. Nik Raupp:
Die Herausforderung der Internationalisierung ist im aktuellen Umfeld nicht einfacher geworden. Deutsche Start-ups fokussieren sich oft zu lange nur auf den Heimatmarkt und scheitern später (häufig in den USA) an der falschen Annahme, dass dort alles ähnlich läuft wie hier. Mein Rat:
Internationalisierung von der ersten Minute an strategisch mitplanen und langfristig vorbereiten.
Aber es gilt dabei flexibel genug zu bleiben, um Pläne im Start-up-Kontext immer wieder anzupassen.
Was machen die erfolgreichsten Gründer:innen anders?
Dr. Nik Raupp:
„Erfolgreiche Gründerinnen und Gründer besitzen ein feines Gespür für Flexibilität ohne Kursverlust.
Sie planen extrem kapitaleffizient und mit ausreichend „Spielräumen“ für Verzögerungen.
Während viele etablierte Unternehmen sich aktuell auf ihr Kerngeschäft zurückziehen und externe Innovationen und Projekte mit Startups zurückziehen, gelingt es den Top-Teams dennoch, neue Partner zu finden, sie für ihr Thema zu begeistern und so wichtige Meilensteine trotz der allgemeinen Unsicherheit zu erreichen.

Dr. Tanja Emmerling:
Entscheidend ist, Innovationsfähigkeit nicht isoliert zu denken. Erfolgreiche Teams schaffen es, Corporates aktiv in ihre Innovationszyklen einzubinden. Als Kunden, Partner oder Co-Investoren. Und nehmen diese bewusst mit auf die notwendige Geschwindigkeit.
Sie verstehen, wo bestehende Industrie-Infrastrukturen tragen und wo sie selbst zur neuen Triebfeder werden können. Gleichzeitig erkennen sie, wann es sinnvoller ist, neue Modelle „auf der grünen Wiese“ zu entwickeln, um etablierte Akteure zu überholen. Entscheidend ist dabei nicht das Entweder-oder, sondern die Fähigkeit, beides zu beherrschen: Anschlussfähigkeit an bestehende Systeme und den Mut zu radikal neuen Investitionen.
Gregor Haidl:
Sehr gute Gründer:innen schaffen den Spagat zwischen großer Vision und operativer Realität. Erfolgreiche Gründer:innen verkaufen nicht nur ein Narrativ (z. B. europäische Wettbewerbsfähigkeit), sondern übersetzen dieses in ein konkretes, messbares Nutzenversprechen für den Kunden.
Sie denken radikal vom Markt her, liefern kontinuierlich Traction auf Kundenseite und sind äußerst lernfähig.
Kurz: Sie navigieren anspruchsvolle Zeiten, indem sie Marktpositionierung und Zahlenwerk gleichermaßen souverän beherrschen.

























































