Rewiring Engineering: Wie Neural Concept den KI-Intelligenz-Layer für die Industrie aufbaut
Story
Neural Concept entwickelt KI-native Engineering-Software, mit der Industrieunternehmen Produkte schneller entwickeln und optimieren können.
Das in Lausanne ansässige Unternehmen, seit der Seed-Phase Teil des HTGF-Portfolios, hat kürzlich eine Series-C-Finanzierungsrunde über 100 Millionen US-Dollar abgeschlossen. Angeführt wurde die Runde von Growth Equity bei Goldman Sachs Alternatives, um die globale Expansion zu beschleunigen. Im Interview erklärt Gründer und CEO Pierre Baqué, wie KI das Engineering neu definiert und was es braucht, um aus Europa heraus einen globalen Deep-Tech-Champion aufzubauen.

Pierre, wenn du jemanden triffst, der noch nie von Neural Concept gehört hat: Wie erklärst du in wenigen Sätzen, was ihr tut?
Ich beginne meist mit dem Status quo in der Industrie. Heute arbeiten nahezu alle fortschrittlichen Industrieunternehmen mit einer digitalen Tool-Landschaft – Simulationssoftware und 3D-CAD-Systeme, die die Produktentwicklung virtualisieren. Ingenieurinnen und Ingenieure entwerfen Produkte, führen Simulationen durch, analysieren Ergebnisse und entscheiden über die nächsten Schritte – alles innerhalb dieser digitalen Umgebung.
Doch obwohl die Prozesse digital sind, werden die meisten Aktionen und Entscheidungen weiterhin von Menschen gesteuert: 3D-Modelle erstellen, Simulationen starten, Ergebnisse interpretieren.
Was wir mit Neural Concept aufbauen, ist ein Intelligenz-Layer über diesem bestehenden digitalen Layer. Diese zusätzliche Ebene steuert die virtuelle Umgebung und schafft eine neue Schnittstelle zu den Tools – eine, die KI-gestützt und zunehmend KI-getrieben ist. Sie unterstützt nicht nur einzelne Ingenieurinnen und Ingenieure, sondern ganze Engineering-Unternehmen.
Kurz gesagt: Wir ergänzen die digitalen Tools, die moderne Produktentwicklung ermöglichen, um eine zusätzliche Intelligenzebene.
KI und Produktentwicklung entwickeln sich rasant. Welche Entwicklungen beobachtet ihr besonders genau? Und wo siehst du die größten Chancen für Neural Concept?
Ich denke, alle Entwicklungen rund um KI-Agenten für Code- und Softwareentwicklung werden enorme Auswirkungen auf die Softwarebranche haben. Und damit auch auf Engineering-Software, also genau auf unseren Bereich.
Ich glaube, viele unterschätzen noch, wie groß dieser Einfluss sein wird. Es gab zuletzt einige Verschiebungen im Markt, doch das ist erst der Anfang.
Für unseren Bereich bedeutet das: Viele sehr große etablierte Anbieter kontrollieren derzeit den digitalen Layer, die klassischen CAD- und Simulationstools. Mit dem Einzug von KI werden die Karten für die nächste Generation von Engineering-Software neu gemischt.
Für neue Unternehmen wie unseres ist das unglaublich spannend. Es ist ein Moment, in dem man neu denken kann, wie Wert für Kunden entsteht und wie Entwicklungsprozesse künftig aussehen. Solche Zeitfenster eröffnen sich nur selten.
Kannst du ein konkretes Beispiel nennen, das den Einfluss von Neural Concept auf die tägliche Engineering-Arbeit zeigt?
Ein gutes Beispiel ist unsere Zusammenarbeit mit MAHLE, dem deutschen Automobilzulieferer. Sie nutzen unsere Technologie bereits seit einiger Zeit.
Ein Ergebnis war eine deutlich verbesserte Produktperformance. Beim Design von Gebläseventilatoren für Elektrofahrzeuge konnten sie beispielsweise den Geräuschpegel erheblich reduzieren und so mit großem Abstand Bestwerte im Markt erzielen. Dies ist besonders relevant, weil diese Komponenten in Elektroautos deutlich stärker wahrgenommen werden als in Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor. Ein leiserer Ventilator verbessert unmittelbar die wahrgenommene Fahrzeugqualität.
Doch über Leistungssteigerungen hinaus liegt der eigentliche Wandel im Prozess selbst. MAHLE etabliert einen neuen, KI-gestützten Entwicklungsansatz. Entwicklungsaufwand lässt sich reduzieren, und auf spezifische Anforderungen von Automobilherstellern kann deutlich schneller reagiert werden.
Es geht also nicht nur um bessere Produkte, sondern auch um schnellere Iteration, mehr Flexibilität und eine grundlegend neue Art des Engineerings.
Ihr habt kürzlich eine Series-C-Finanzierungsrunde über 100 Millionen US-Dollar abgeschlossen, angeführt von Growth Equity bei Goldman Sachs. Was bedeutet dieser Meilenstein für euch?
Es ist eine sehr spannende Zeit, nicht nur für uns, sondern für Technologie insgesamt. Diese Runde ist im Grunde Treibstoff, um Neural Concept als eines der Unternehmen zu positionieren, die unseren Markt neu definieren werden.
Mehr als eine Errungenschaft sehe ich das als Chance, etwas aufzubauen, das langfristig prägen wird, wie Engineering betrieben wird. Und mit diesem Mindset gehen wir in die nächste Phase.
HTGF hat Neural Concept seit der Seed-Phase begleitet und sich an jeder Finanzierungsrunde beteiligt. Wie würdest du unsere Rolle auf eurer Reise beschreiben?
Der HTGF ist für uns ein großartiger und verlässlicher Partner. Sie haben die richtige Balance zwischen Unterstützung einerseits und Herausforderung anderseits gefunden, waren in schwierigeren Phasen an unserer Seite und haben Erfolge mit uns geteilt.
Was sie für mich besonders macht, ist ihre breite Perspektive auf das Startup-Ökosystem. Über den HTGF – und insbesondere über unseren Investment Manager Gregor – erhalten wir Einblicke in Entwicklungen über viele Unternehmen und Technologien hinweg.
Mit zunehmender Unternehmensgröße verliert man leicht den Überblick über frühe Innovationen und neue Startups. Einen Partner zu haben, der das größere Bild sieht und als Informationskanal fungieren kann, ist daher äußerst wertvoll. Es hilft uns, eng mit dem Ökosystem verbunden zu bleiben.
Wenn du auf deinen eigenen Weg zurückblickst – vom Forscher zum Gründer und Scale-up-CEO: Welche zentralen Learnings würdest du Deep-Tech-Gründerinnen und -Gründern mitgeben?
Eine wichtige Lektion ist, dass man irgendwann akzeptieren muss, die Technologie zumindest zeitweise in den Hintergrund zu stellen.
Als Deep-Tech-Gründer denkt man zunächst vor allem darüber nach, wie man die eigene Technologie in den Markt bringt. Doch irgendwann muss man die Perspektive wechseln und sich zuerst fragen: Was braucht der Markt eigentlich? Welche Probleme haben Kunden wirklich?
Erst dann sollte man überlegen, wie die eigene Technologie diese Bedürfnisse lösen kann.
Dieser Perspektivwechsel kann sich zunächst ungewohnt anfühlen. Am Anfang wirkt die Technologie wie das wichtigste Asset. Wenn man sich stärker auf den Markt konzentriert, hat man vielleicht das Gefühl, dieses Asset zu verlieren. In Wirklichkeit bleibt es jedoch erhalten. Es wird lediglich vom Ausgangspunkt zum Werkzeug, um reale Probleme zu lösen.
Eine weitere zentrale Erkenntnis ist Commitment. Ein Unternehmen aufzubauen lässt sich nicht mit 90 Prozent Einsatz bewältigen. Es erfordert volle Fokussierung und langfristige Hingabe.
Und schließlich muss man verstehen, dass Business eben Business ist. Wer aus der Forschung kommt, sieht die Welt anfangs möglicherweise anders. Doch man muss lernen, wie Wettbewerb funktioniert, wie Unternehmen arbeiten und wie Märkte strukturiert sind. Dieses Verständnis ist entscheidend, um etwas Nachhaltiges aufzubauen.
Wie siehst du heute die Deep-Tech- und VC-Landschaft in Europa im Vergleich zu der Zeit, in der ihr gestartet seid?
Es ist schwierig, das völlig objektiv zu beurteilen, da ich ja selbst kein Early-Stage-Gründer mehr bin. Aber nach allem, was ich sehe, ist in Europa heute definitiv Kapital verfügbar.
Man sieht vielleicht nicht immer die sehr großen Frühphasen-Finanzierungsrunden wie in den USA. Doch wenn man ein starkes Unternehmen aufbaut, ambitioniert ist und global denkt, lässt sich auch in Europa das nötige Kapital finden. Das Ökosystem ist vorhanden.
Gleichzeitig steigt die Entwicklungsgeschwindigkeit. Mit neuen KI-Tools und Coding-Assistenten wird es schneller und einfacher, ein Minimum Viable Product zu entwickeln. Das ist großartig für Gründerinnen und Gründer – bedeutet aber auch, dass andere Faktoren wichtiger werden: Distribution, Netzwerk, Produkterlebnis und Umsetzung.
Der Wettbewerb wird vermutlich zunehmen, ebenso die Innovationsgeschwindigkeit. Für ambitionierte Gründerinnen und Gründer entstehen dadurch reale Chancen.
Vielen Dank, Pierre, für diese inspirierenden Einblicke!
Ich bin Ansprechpartner
für alle Pressefragen:
Tobias Jacob
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