„Ohne Raumfahrt funktioniert unsere Gesellschaft nicht“
Story
Koen Geurts über strategische Lücken, starke Ökosysteme und die Rolle von geduldigem Kapital in Europa
Ohne Raumfahrt läuft heute kaum etwas: Navigation, Logistik, Telekommunikation und Klimamonitoring werden durch Satelliten ermöglicht. Darüber, was das für unsere Gesellschaft und Europa bedeutet und welche Rolle Startups dabei spielen, haben wir mit Dr. Koen Geurts gesprochen, Senior Investment Manager beim HTGF und früher selbst 15 Jahre in der Raumfahrt tätig – unter anderem an der Rosetta-Kometenlandung 2014. Im Interview erklärt Koen, wo Europa stark ist, welche Lücken wir schließen müssen und warum geduldiges Kapital entscheidend ist, damit aus New Space-Startups echte europäische Champions werden.

Raumfahrttechnologie wird zunehmend als strategische Infrastruktur verstanden. Welche Rolle spielt sie heute ganz konkret?
Koen: Ohne Raumfahrttechnologie funktioniert unsere Gesellschaft, so wie wir sie kennen, nicht. Navigation, Logistik, Telekommunikation und große Teile unserer kritischen Infrastruktur werden dadurch ermöglicht.
Das sieht man aktuell auch in der Ukraine, wo satellitenbasiertes Internet die Einsatzfähigkeit der Truppen mitbestimmt, oder im Iran, wo wir Entwicklungen oft nur über Satellitendaten nachvollziehen können. Satellitenbasierte Aufklärung ist auch für die zivile Krisenprävention entscheidend, ob bei Waldbränden, Überschwemmungen oder der Überwachung illegaler Abholzung.
Genauso wichtig ist Raumfahrt im zivilen Bereich: Wettervorhersagen, Analysen von Böden und Vegetation sowie Städteplanung und Infrastrukturentwicklung hängen direkt von Satelliten ab. Auch die systematische Erfassung von Klimadaten – von Eismassen über Meeresspiegel bis hin zu Treibhausgaskonzentrationen – wäre ohne sie kaum möglich. Hier ist Europa mit dem Copernicus-Programm sehr gut aufgestellt – die Daten sind frei verfügbar in Europa und haben zahlreiche neue Geschäftsmodelle ermöglicht.
In welchen Bereichen spielt Europa in der Raumfahrt vorne mit, und wo klaffen aus deiner Sicht noch Lücken?
Koen: Im Erdbeobachtungsbereich ist Europa klar vorne, sowohl bei der Infrastruktur als auch bei vielen Anwendungen. Copernicus ist weltweit ein Referenzprogramm. Auch im Navigationsbereich ist Europa dank Galileo international auf Augenhöhe, vor allem bei Diensten und Sicherheitsstandards. Wir sehen aber auch erste New Space Scale-ups, die global führend werden, wie Iceye aus Finnland. Das ist eine absolute Erfolgstory für Europa.
Gleichzeitig haben wir strategische Lücken. Im Bereich LEO-Breitband – also Internet aus dem All – gibt es derzeit keine vollwertige europäische Alternative zu bestehenden Systemen. Und bei hochauflösender, optischer Aufklärung mit hoher Wiederholrate fehlen uns ebenfalls eigene Kapazitäten. Wenn wir ernsthaft über technologische Souveränität sprechen, müssen wir genau hier klug und zielgenau investieren.
Und wie spiegelt sich das im Startup-Ökosystem wider?
Koen: Die Dynamik ist beeindruckend. Vor zehn Jahren hätte sich kaum jemand vorstellen können, dass privat finanzierte Unternehmen komplexe Raumfahrtsysteme entwickeln. Heute sehen wir genau das: Atmos arbeitet an neuartigen Wiedereintrittskapseln, The Exploration Company an Raumfahrtkapseln und Raketen, LiveEO nutzt Erdbeobachtungsdaten, um etwa Risiken entlang Bahnstrecken und Stromtrassen zu erkennen. ISPTech entwickelt neue Antriebstechnologien, die durch die veränderte Sicherheitslage noch relevanter werden. Und Reflex Aerospace entwickelt hochleistungsfähige, konfigurierbare Satellitenplattformen,
Solche Teams wären vor wenigen Jahren in Europa kaum finanzierbar gewesen. Heute gibt es Gründerinnen und Gründer, die groß denken, und Investoren, die bereit sind, dieses Niveau an Technologierisiko mitzugehen.

Warum entwickeln sich manche Unternehmen schneller als andere?
Koen: Es hängt stark davon ab, wo man in der Wertschöpfungskette sitzt. Wer End-to-End Lösungen oder komplette Systeme an Endkunden verkauft, kann Marktgröße und Business Case oft leichter erklären – das hilft beim Fundraising und beim Gewinnen großer Verträge. Teams auf Komponenten- oder Subsystem-Ebene entwickeln oft entscheidende Technologien, haben aber mehr Aufwand, Investoren vom Marktpotenzial zu überzeugen und brauchen tendenziell länger, um signifikante Umsätze zu entwickeln. Dafür sind sie aber oft sehr profitabel.
Genau hier brauchen wir Patient Capital. Deep-Tech-Startups brauchen Zeit, um Märkte aufzubauen und Vertrauen zu gewinnen. Der HTGF übernimmt bewusst frühe Risiken in solchen Fällen, und der DTCF kann solche Unternehmen auch in späteren Skalierungsphasen unterstützen. Dass sich das lohnt, zeigen Beispiele wie Dcubed, die heute weltweit einzigartige Komponenten verkaufen und international bekannt sind.
Aktuell fließen große Budgets in den Raumfahrtsektor. Was bedeutet das für Startups?
Koen: Diese Budgets sind enorm wichtig, gerade im sicherheits- und verteidigungsnahen Umfeld. Natürlich spielen etablierte Unternehmen in großen Infrastrukturprojekten eine zentrale Rolle. Gleichzeitig sollten wir Startups und Scale-ups viel konsequenter einbinden.
Auf dem Papier ist das oft gewollt, in der Praxis gehen große Ausschreibungen aber noch zu selten an junge Tech-Unternehmen. Die Erfahrung zeigt: Erfolgreiche Scale-ups liefern vielleicht nicht 100 Prozent der Anforderungen, erfüllen dafür aber 80 Prozent in 20 Prozent der Zeit oder Kosten. Dieses Mindset brauchen wir in Europa, wenn wir Innovation ernst nehmen.
Wenn du auf die nächsten Jahre schaust: Was braucht es?
Koen: Wir brauchen drei Dinge: Teams, die technologisch groß denken; Investorinnen und Investoren, die Deep Tech als Langstrecke verstehen; und öffentliche Auftraggeber, die Startups in großen Projekten strukturell mit einbinden. Wichtig ist dabei auch, mehr in europäischen Kategorien zu denken und nicht in jedem Land eigene Champions aufzubauen. Wenn das zusammenkommt, kann Europa im Raumfahrtsektor nicht nur aufholen, sondern in vielen Bereichen eine führende Rolle einnehmen.
Vielen Dank für die spannenden Einblicke, Koen.
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