„Vom Kostenfaktor zur Wertschöpfung“: Wie traide AI und PwC Deutschland den Zoll neu denken
Story
Wer Produkte international handelt, kennt das Problem: Zolltarifierung ist komplex, fehleranfällig und in vielen Unternehmen noch immer ein manueller Prozess mit wachsendem Haftungsrisiko.
Das Berliner Startup traide AI hat eine KI-gestützte Plattform entwickelt, die Zolltarifnummern in Sekunden klassifiziert, rechtssicher begründet und automatisch auf Regularien prüft. Seit 2024 kombinieren traide AI und PwC Deutschland KI-Technologie und zollrechtliche Expertise. Für den HTGF schließt sich ein schöner Kreis: traide AI ist Portfoliounternehmen, PwC Deutschland langjähriger Fondsinvestor. Wir haben mit Leonie Althaus, Co-Founderin & CEO von traide AI, und Dr. Michael Tervooren, Partner bei PwC Deutschland und Leiter des Customs & International Trade Teams, gesprochen.

Wie ist die Zusammenarbeit zwischen traide AI und PwC Deutschland entstanden?
Leonie Althaus: Wir haben von Anfang an sehr aktiv auf LinkedIn gezeigt, was wir bei traide AI machen – das war noch ganz am Anfang, wir waren vielleicht anderthalb Jahre alt. Dann hat sich Sarah aus Michaels Team bei mir gemeldet, ob man sich die Plattform mal gemeinsam anschauen könnte. Daraus wurde relativ schnell ein persönliches Treffen in Hamburg. Das Besondere: PwC Deutschland ist auf uns zugekommen, damit hatten wir nicht gerechnet. Dass man sich dann tatsächlich entschieden hat, mit uns zusammenzuarbeiten, war für uns als junges Startup ein echter Ritterschlag.
Michael, magst du das aus deiner Perspektive ergänzen?
Dr. Michael Tervooren: Wir schauen uns regelmäßig Startups an – gerade im Bereich Zoll und Außenhandel haben wir über die Jahre viele Ansätze gesehen: frühe Technologielösungen, Shared-Service-Center-Modelle und einiges mehr. Bei traide AI hat uns früh überzeugt, dass Technologie und fachlicher Use Case sehr konkret zusammenpassen. . Daher haben wir den Kontakt gesucht und wurden schnell überzeugt.
„Bei traide AI hat uns früh überzeugt, dass Technologie und fachlicher Use Case sehr konkret zusammenpassen.“ Dr. Michael Tervooren, PwC Deutschland
Wo drückt Kunden beim Thema Zolltarifierung aktuell der Schuh?
Dr. Michael Tervooren: Man kann sich das an einem einfachen Beispiel klarmachen: Ein Unternehmen mit 10.000 Waren müsste für eine vollständige Tarifierung rund 4.000 bis 5.000 Stunden aufwenden – für die Recherche der Warenbeschreibungen, die Rechtsanwendung und die anschließende Qualitätssicherung. Das ist manuell schlicht nicht zu leisten. Genau dort liegt das Kernproblem, und genau deshalb ist der Ansatz einer KI-gestützten Tarifierung so interessant.
Leonie, wie erklärt ihr einem Mittelständler, was traide AI macht?
Leonie Althaus: Wir sagen immer ganz gerne: Wir räumen die zollrechtlichen Stammdaten auf. Wir geben Unternehmen die Möglichkeit, das effizient, vor allem aber sicher zu machen. Klar, gerade bei Mittelständlern zählt Effizienz. Schneller werden ist immer wichtig. Aber wir gehen vor allem mit dem Compliance-Argument rein. Und ich glaube, gerade in den letzten zwei, drei Jahren ist bei den meisten Managern angekommen, wie wichtig rechtssichere Verarbeitung ist. Da bieten wir wirklich Mehrwert: Wir helfen Unternehmen, sich auf der Trade-Compliance-Seite rechtlich abzusichern.
Michael, was verändert sich für Customs-Teams konkret, wenn KI die Arbeit unterstützt?
Dr. Michael Tervooren: Man muss zunächst verstehen, wie zentral die Zolltarifnummer ist, denn sie betrifft weit mehr als den Zoll selbst. Sie kann relevant sein für Themen wie CBAM, für die Entwaldungsverordnung, für den anzuwendenden Umsatzsteuersatz oder erste Indikationen für die Exportkontrolle. Die Zolltarifnummer ist damit ein Knotenpunkt, von dem aus viele regulatorische Fäden laufen.
Der Zeitgewinn durch KI entlastet die Unternehmen erheblich. Gerade jetzt, wo überall auf Ressourcen und Effizienz geschaut wird. Am Ende steht aber vor allem eine bessere Compliance. Und zwar in beide Richtungen: Es werden nicht nur fehlerhafte Tarifnummern identifiziert, die korrigiert werden müssen. sondern auch solche, für die eine günstigere Einstufung rechtlich zulässig gewesen wäre. Die Tarifierung ist einer der drei zentralen Prüfungspunkte bei jeder Betriebsprüfung. Wer dort nachweisen kann, dass er das Thema im Griff hat, ist klar im Vorteil.
„Man sucht nicht nur Zolltarifnummern, die fehlerhaft sind. Man findet auch welche, für die eine günstigere Einstufung anwendbar gewesen wäre. Das geht in beide Richtungen.“ Dr. Michael Tervooren, PwC Deutschland
Ab wann lohnt sich der Einsatz von KI in der Zollklassifizierung. Gibt es einen Richtwert?
Leonie Althaus: Nicht für jedes Team, aber grundsätzlich würde ich sagen: Ab einem Warenstamm von rund 10.000 Produkten ergibt der Einsatz von KI Sinn. Darunter schießt man ein bisschen mit Kanonen auf Spatzen. Es kommt aber auch auf die Kritikalität der Waren an. Wir arbeiten viel in Industrien mit hochkritischen Produkten – Medizintechnik, Pharma, Automotive –, wo besonders viele Implikationen dranhängen: Entwaldungsverordnung, Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM), Exportkontrolle. Da würde ich sagen, lohnt sich der Einsatz schon ab 5.000 Produkten. Im Konsumgüterbereich, wo vieles weniger reguliert ist, kommt man oft noch länger mit manueller Verarbeitung durch. Aber im Schnitt arbeiten wir mit den meisten Kunden ab 10.000 Produkten im Warenstamm und nach oben ist es offen. Es gibt Unternehmen mit bis zu 10 Millionen Artikeln.
Wie verändert sich die Zollabteilung durch KI – und welche Rolle spielt der Mensch künftig?
Dr. Michael Tervooren: Eine schwere Frage, weil wir gerade einen echten Technologie-Booster erleben, gerade mit Blick auf KI. Zwei Dinge lassen sich trotzdem vorhersagen: Der Mensch wird weiterhin eine zentrale Rolle spielen. KI unterstützt fachliche Entscheidungen, aber wird sie nicht vollständig ersetzen, unter anderem auch aus rechtlichen Gründen.. Und: Es wird viel mehr Transparenz geben. Ich erinnere mich noch an die Einführung von ATLAS Ausfuhr, also der elektronischen Ausfuhranmeldung. Seitdem hat die Digitalisierung im Zollumfeld enorme Fortschritte gemacht. Diese Transparenz ermöglicht es Unternehmen, zu agieren, statt nur zu reagieren. Früher hat man in der Betriebsprüfung etwas gefunden und musste es hinterher glattziehen. Proaktiv zu handeln, das war früher sehr schwer.
Leonie, wie blickst du darauf?
Leonie Althaus: Zu hundert Prozent. Wir sehen genau diese Bewegung: weg vom rein operativen „Feuer löschen“, ähnlich wie es früher in der Buchhaltung war, hin zu einer prüfenden und strategisch wirkenden Abteilung. Gerade weil geopolitisch gerade so viel passiert, kann eine Abteilung, die bisher eher als wertvernichtend galt, zum ersten Mal wirklich wertschöpfend agieren. Das war früher kaum möglich, die Teams waren operativ überlastet, und dem Thema fehlte oft die Relevanz. Das hat sich geändert, die Presse der letzten Jahre hat dazu sicher beigetragen. Der Blick auf die Zollabteilung wandelt sich: weg vom reinen Problembereich, hin zu einer Funktion, die aktiv dazu beiträgt, dass das Geschäft besser läuft.
Dr. Michael Tervooren: Genau. Zoll wird ja mittlerweile nicht mehr nur als Steuererhebungs-Mechanismus gesehen, sondern als politisches Mittel. Seit den jüngeren handelspolitischen Entwicklungen – insbesondere den US-Zollmaßnahmen der vergangenen Jahre – hat das Thema deutlich mehr Aufmerksamkeit auf C-Level, wie Leonie sagt, die es in den letzten Jahren so nicht gab.
„Eine Abteilung, die bisher ein Kostenfaktor war, kann auf einmal wertschöpfend agieren – das war noch nie möglich.“ Leonie Althaus, traide AI
Wohin entwickelt sich die Zusammenarbeit als Nächstes?
Leonie Althaus: Was wir gerade besonders vorantreiben – und worauf Michael von Anfang an gepocht hat – ist das Thema Exportkontrolle. Im Außenhandel unterscheidet man ja zwischen Zollrecht und Exportkontrollrecht, und wir haben uns bei traide AI bisher stark auf das Zollrecht fokussiert. Seit Januar sind wir mit unserem Exportkontroll-Tool traide Export live, mit viel fachlicher Unterstützung von PwC. Das ist ein Bereich, in dem die Folgen von Fehlern noch mal in eine ganz andere Größenordnung reichen als im Zollrecht und wo der Markt extrem lange auf eine Lösung gewartet hat.
Dr. Michael Tervooren: In diesem Bereich sehen wir derzeit noch vergleichsweise wenige integrierte Lösungen, die fachliche Tiefe und technologische Skalierbarkeit verbinden. Genau darin liegt aus unserer Sicht ein wichtiger Differenzierungsfaktor..

Was rätst du, Leonie, anderen Gründerinnen und Gründern, die eine Partnerschaft mit einem etablierten Player anstreben?
Leonie Althaus: Uns wurde damals von vielen Seiten davon abgeraten – im Nachhinein war es eine unserer besten Entscheidungen. Zwei Dinge sind aus meiner Sicht entscheidend: Erstens muss man das Gefühl haben, auf Augenhöhe gesehen zu werden, nicht nur als kleines Startup, das man ja tatsächlich ist. Zweitens muss man wirklich verstehen, mit welcher Motivation die andere Seite in die Partnerschaft geht, und das immer wieder überprüfen, denn diese Motivation verschiebt sich mit der Zeit. Beide Seiten müssen dauerhaft ihren Nutzen daraus ziehen.
Was uns sehr geholfen hat: Wir haben uns früh auf Exklusivität geeinigt. Genau davon wurde uns abgeraten. „Macht bloß nichts Exklusives, zu gefährlich, bleibt breit aufgestellt.“ Aber gerade das Zeigen von eigenem Commitment hat dazu geführt, dass auch die andere Seite Commitment gezeigt hat. Rückblickend bin ich sehr froh, dass wir auf niemanden gehört haben.
„Uns wurde geraten, bloß nichts Exklusives zu machen. Genau das war die beste Entscheidung, die wir getroffen haben.“ Leonie Althaus, traide AI
Und aus deiner Sicht, Michael: Was muss ein Startup mitbringen, damit eine solche Zusammenarbeit wirklich funktioniert?
Dr. Michael Tervooren: Wir schauen uns pro Monat mindestens ein Startup an, der Markt ist sehr aktiv. Ein paar Basics: Zunächst braucht es eine wirklich gute Idee mit einem durchdachten Use Case. Das klingt banal, aber gerade diese Klarheit ist entscheidend. Dann muss die Technologie grundsätzlich funktionieren. Manche Teams befinden sich in einer sehr frühen Entwicklungsphase. Für eine Zusammenarbeit ist aber wichtig, dass die Technologie zumindest grundsätzlich belastbar funktioniert. Und die Lösung muss skalierbar sein. Wir schauen als Berater immer auch auf den Business Case, da die Lösung für unsere Mandanten über Einzellösungen hinaus tragfähig sein muss.
Das waren jetzt die Hard Facts. Mindestens genauso wichtig ist die menschliche Ebene: die Bereitschaft, sich wirklich aufeinander einzulassen, damit Vertrauen entstehen kann. Wir bewegen uns bei der technologischen Anwendung in einem Umfeld, in dem viele Detailfragen noch nicht abschließend vorgezeichnet sind – gerade an der Schnittstelle von KI, Zollrecht und operativer Umsetzung. In diesen Projekten gibt es immer wieder Situationen, die man gemeinsam klären muss, weil es sie so noch nicht gab. Bei traide AI hat genau diese Zusammenarbeit sehr gut geklappt.
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