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  • HTGF 2025: Rückenwind für Europas Wirtschaftswunder 2.0 – Romy Schnelle, Dr. Achim Plum und Sebastian Borek im Gespräch

    HTGF 2025: Rückenwind für Europas Wirtschaftswunder 2.0 – Romy Schnelle, Dr. Achim Plum und Sebastian Borek im Gespräch

    HTGF 2025: Rückenwind für Europas Wirtschaftswunder 2.0 – Romy Schnelle, Dr. Achim Plum und Sebastian Borek im Gespräch

    2025 war für den HTGF ein Jahr, das vieles gleichzeitig verlangt hat: Stabilität im Frühphasenmarkt sichern, Klarheit nach innen schaffen und den Startschuss für die nächsten 20 Jahre geben. In einem Umfeld geopolitischer Spannungen und verhaltener Kapitalmärkte haben wir Anschlussfinanzierungsvolumen in Milliardenhöhe mobilisiert und begonnen, den HTGF neu zu denken, vom klassischen Seed-Investor hin zu einer öffentlich-privaten VC-Plattform, die Gründerinnen und Gründer über alle Wachstumsphasen hinweg verlässlich mit Kapital, Netzwerk und Know-how unterstützt.

    Im Gespräch blicken unsere HTGF-Geschäftsführer Romy Schnelle, Dr. Achim Plum und Sebastian Borek auf die Lehren aus 2025, sprechen über KI als Produktivitätshebel, Europas Chancen im globalen Technologiewettlauf und darüber, warum das nächste Wirtschaftswunder 2.0 nicht nur eine Vision ist, sondern durch mutige Investitionen und konsequente Skalierung Realität werden kann.

    Die HTGF Geschäftsführung: Sebastian Borek, Romy Schnelle, Dr. Achim Plum (Fotos: Patrycia Lukas / HTGF, Montage: HTGF)

    Was waren eure HTGF-Highlights 2025?

    Romy Schnelle: Trotz eines herausfordernden Marktumfelds haben wir im Neugeschäft stark geliefert. Der HTGF IV hat in diesem Jahr 40 neue Investments abgeschlossen und wir sind mit insgesamt rund 120 Investments im HTGF IV voll auf Kurs. Besonders stolz bin ich auf die Substanz in unserem Portfolio. Das zeigt sich auch in zwölf starken Investments über unseren HTGF Opportunity Wachstumsfonds, von Sdui als digitalem Rückgrat für Schulen bis hin zu ADCs in der Krebstherapie, mit Tubulis als europäischem Benchmark in den Life Sciences. Sie zeigt, wofür wir stehen, von KI bis Kernfusion, von Robotik bis Raumfahrt. Das sind Schlüsseltechnologien, die morgen den Unterschied machen und direkt auf die High-Tech-Agenda einzahlen.

    Achim Plum: Das Neugeschäft war anspruchsvoll, aber unsere Rolle war klar. Stabilität geben und Finanzierungen ermöglichen, gerade dann, wenn Märkte zögern. Besonders stolz bin ich auf die Anschlussrunden in unser Portfolio, die erneut auf Rekordniveau liegen. Aktuell sprechen wir über rund 1,2 Milliarden Euro, davon fast 90 Prozent privates Kapital. Das ist für mich mehr als eine Zahl. Es zeigt, dass wir privates Kapital in großem Stil mobilisieren und damit echte Wirkung im Ökosystem entfalten.

    Sebastian Borek: Mein persönliches Highlight ist unser Riesenpotenzial. Als Neuer in der Geschäftsführung habe ich erlebt, wie erfahren und kompetent der HTGF und sein Team sind. Mit hoher Leistungsbereitschaft und einer ebenso breiten wie tiefen Expertise haben wir einen großen Schatz aus dem wir schöpfen können, um auch zukünftige Herausforderungen zu bewältigen und mit der richtigen Haltung das nächste Wirtschaftswunder 2.0 nicht nur zu diskutieren, sondern möglichzumachen.

    2025 hat nicht nur den Markt, sondern auch den HTGF bewegt. Was hat sich intern neu sortiert und weiterentwickelt?

    Achim Plum: 2025 war für uns ein Wendepunkt. Nach 20 Jahren haben wir den HTGF neu gedacht. Mit der komplettierten Geschäftsführung sind wir mit dem Anspruch gestartet, die nächsten 20 Jahre aktiv zu gestalten. Diese Aufbruchsstimmung ist in der Organisation spürbar. Unsere Value Proposition wird neu definiert, und das ist richtig so. Wir haben uns sehr bewusst gefragt, wer wir sind und wofür wir stehen. Daraus ist unser strategischer Anspruch gewachsen. Mit neuen Mandaten entwickeln wir den HTGF zu einer Venture-Capital-Plattform, die Innovation von der Idee bis zur Skalierung zusammenführt.

    Romy Schnelle: Transformation ist für uns nicht nur eine Frage von Strukturen, sondern vor allem von Kultur und Haltung. Wir haben gezielt daran gearbeitet, Klarheit zu schaffen, in der Kommunikation, in den Entscheidungswegen und im Anspruch an uns selbst. Tempo und Verlässlichkeit schließen sich dabei nicht aus. Gerade in stürmischen Zeitenbrauchen Gründerinnen und Gründer sowie unsere Partner beides.

    Sebastian Borek: Was mich besonders überzeugt hat, ist die Substanz des Fonds und seine Zukunftsfähigkeit. Es geht darum, das Geschäft in die nächste Phase zu überführen und sich immer wieder zu hinterfragen. Diese Bereitschaft, sich nicht auf Erfolgen auszuruhen, ist für mich eines der stärksten Signale aus 2025.

    Geopolitische Spannungen und unsichere Märkte. Was bedeutet das für Startups, Industrie und Investoren?

    Sebastian Borek: Wir erleben den Übergang in eine neue industrielle Epoche. Das erzeugt Unsicherheit, eröffnet aber enorme Chancen. Für uns als Investor bedeutet das, früh Technologien zu identifizieren, die nicht nur bestehende Prozesse verbessern, sondern ganze Branchen verändern können. KI ist dafür ein gutes Beispiel, weil sie quer über Industrien wirkt. Diese Technologien frühzeitig zu finden und zu unterstützen, ist Teil unserer Verantwortung als HTGF.

    Achim Plum: Deutschland und Europa haben historisch häufig erst den gesellschaftlichen Konsens gesucht, bevor skaliert wurde. In einzelnen Technologiefeldern, etwa in der Gentechnik, wurden dadurch Chancen nicht immer rechtzeitig genutzt. Heute sind Innovationszyklen dafür zu schnell. Wir brauchen eine innovationsbegleitende Regulierung und einen pragmatischen Ansatz, der Chancen nutzt und Risiken managt, statt aus Vorsicht zu blockieren. Gerade in geopolitisch angespannten Zeiten wird technologische und wirtschaftliche Souveränität entscheidend.

    Romy Schnelle: Für Unternehmen heißt das ganz konkret, Kompetenzen aufzubauen und aktiv Kooperationen einzugehen. Wer früh mit Startups, Forschungseinrichtungen und Industriepartnern zusammenarbeitet, lernt schneller und kann robuster skalieren. Datenkompetenz, KI-Integration und klare Prozesse sind dabei zentrale Voraussetzungen.

    KI entwickelt sich rasant. Wie blickt ihr auf Chancen und Herausforderungen?

    Sebastian Borek: KI ist vor allem eine Frage des Mindsets. Entscheidend ist, dass wir die Potenziale ernsthaft nutzen. Richtig eingesetzt kann KI unser Arbeiten produktiver und effizienter machen. Teams, die KI in Analyse, Produktentwicklung oder operativen Prozessen einsetzen, verkürzen Entwicklungszeiten deutlich und können sich stärker auf Wertschöpfung konzentrieren. Wir haben erlebt, wie ein Team mithilfe von KI eine Marktanalyse und Präsentation in einer Stunde statt in zwei Wochen erstellt hat. Für mich ist klar, dass wir KI aktiv mitgestalten müssen.

    Achim Plum: KI adressiert zentrale Herausforderungen unserer Zeit, von demografischem Wandel über Produktivität bis hin zum Klimawandel. Sie wirkt als Katalysator, der bestehende Ansätze beschleunigt und skaliert. Viele Fortschritte in den Life Sciences oder der Medizintechnik wären ohne KI kaum denkbar. In diesem Sinne ist KI unsere Superpower.

    Romy Schnelle: Für Gründerinnen und Gründer ist entscheidend, KI von Anfang an verantwortungsvoll einzusetzen. Datenqualität, Transparenz und klare ethische Leitplanken schaffen Vertrauen. Genau dieses Vertrauen ist die Voraussetzung für nachhaltige Skalierung und damit ein echter Wettbewerbsvorteil.

    Achim Plum: Wir sehen große Dynamik in den Life Sciences, von synthetischer Biologie bis hin zu neuen Therapieformen. Ein Beispiel ist Tubulis. Die größte Series-C-Life-Science-Runde Europas zeigt, wie sich durch kluge Ansätze das Risiko in der Wirkstoffentwicklung deutlich reduzieren lässt. Auch in der Medizintechnik passiert viel, etwa bei Neural Interfaces oder smarter Prothetik. Häufig ist KI der entscheidende Hebel, der diese Entwicklungen ermöglicht.

    Romy Schnelle: Deep Tech erlebt eine Renaissance. Ob Fusionsenergie, Quantencomputing und -infrastruktur und New Space. Das Innovationspotenzial ist enorm. Oft scheitert es weniger an Technologie als an kritischer Finanzierung und am Mut, wirklich zu skalieren. Besonders wichtig sind funktionierende Übergänge von der Forschung über die Validierung bis zur Industriekooperation. Genau dort setzen wir an.

    Sebastian Borek: Gerade im Space-Tech-Bereich sehen wir Unternehmen, die nicht nur Produkte entwickeln, sondern ganze Industrien aufbauen können. Das ist mehr als ein Markt. Es ist Infrastruktur für die Zukunft. Mit Co-Investments, Partnerschaften und einem klaren Plattformansatz lässt sich das europäisch skalieren.

    HTGF und DTCF bündeln ihre Kräfte. Welche Chancen eröffnet diese Plattform?

    Achim Plum: Unser Ziel ist es, eine durchgängige Venture-Capital-Plattform aufzubauen, die Technologien von der Idee bis zur Skalierung begleitet. Durch die enge Verzahnung von HTGF und DTCF schaffen wir eine öffentlich-private Struktur, die Schlüsseltechnologien effizient finanziert und ihnen die Chance gibt, in Europa zu bleiben und hier groß zu werden. Entscheidend ist überkritische Finanzierung, also Kapital, das Wachstum wirklich trägt. Dafür setzen wir auf flexible Modelle, die auch größere Runden ermöglichen und privates Kapital mobilisieren.

    Sebastian Borek: Der DTCF hat sich schnell im Markt etabliert und gezeigt, wie wichtig starke Wachstumsfinanzierung ist. Starke Investments wie The Exploration Company oder Cylib geben Unternehmen in der frühen Wachstumsphase Zeit und Substanz für Entwicklung und Skalierung. Gleichzeitig sehen wir bei gemeinsamen Investments von HTGF und DTCF, etwa bei Proxima Fusion, node.energy oder FMC, wie gut Seed- und Growth-Perspektive zusammenwirken. Diese Verzahnung bauen wir jetzt systematisch aus.

    Romy Schnelle: Die Integration des DTCF und die Weiterentwicklung zur Plattform geben Gründerinnen und Gründern den nötigen Rückenwind, um mutig und langfristig zu bauen. Gemeinsam mit starken privaten Partnern schaffen wir eine Finanzierungsarchitektur, die vom Start bis zur Skalierung trägt und so neue industrielle Substanz in Europa ermöglicht.

    Zum Abschluss: Was braucht das Startup-Ökosystem jetzt, damit aus dem Rückenwind von 2025 ein echtes Wirtschaftswunder 2.0 wird?

    Romy Schnelle: Es braucht vor allem konsequente Zusammenarbeit im Ökosystem. Wenn Forschung, Start-ups und Industrie enger zusammenarbeiten, entstehen belastbare Brücken von der Idee bis zur Skalierung. Genau dort wächst neue industrielle Substanz.

    Gleichzeitig müssen wir Kontinuität in der frühen Phase sichern. Mit Blick nach vorn bereiten wir die fünfte Seed-Fondsgeneration vor, die Mitte 2027 nahtlos an den HTGF IV anschließen soll. Dafür starten wir mit der Vorbereitung des Fundraisings, um bestehenden wie neuen privaten Fondsinvestoren aus Mittelstand und Konzern einen beispiellosen Zugang zum HTGF-Ökosystem und echten Value Add zu bieten.

    Sebastian Borek: Wir brauchen Zukunftsfreude und den Mut, Dinge entschlossen anzugehen und groß zu skalieren. Kapital, Talente und Technologie sind vorhanden. Jetzt kommt es darauf an für Gründerinnen und Gründer, ein Umfeld zu schaffen, das diesen Spirit trägt und verstärkt.

    Achim Plum: Be bold. Think big. Wir müssen privates Kapital in ganz anderen Größenordnungen mobilisieren und Finanzierung so gestalten, dass Wachstum wirklich möglich wird. Dann kann aus dem aktuellen Rückenwind ein Wirtschaftswunder 2.0 entstehen.

  • Der größte Bottleneck im KI-Stack und FMCs Lösung – Interview mit CEO Thomas Rückes

    Der größte Bottleneck im KI-Stack und FMCs Lösung – Interview mit CEO Thomas Rückes

    Der größte Bottleneck im KI-Stack und FMCs Lösung – Interview mit CEO Thomas Rückes

    Mit einer 100-Millionen-Euro-Finanzierungsrunde hat FMC kürzlich eines der größten Investments im europäischen Halbleitersektor abgeschlossen. Das Kapital fließt in die Kommerzialisierung einer neuartigen Speicherchiptechnologie, die den Energieverbrauch von KI-Rechenzentren signifikant senken und neue Standards für Performance und Effizienz setzen soll. Im Gespräch erklärt CEO Thomas Rückes, warum Speicher zum zentralen Engpass im KI-Stack geworden ist, wie FMC diesen technologisch adressiert und welche Rolle Europa im globalen Wettbewerb um die nächste Generation von KI-Infrastruktur spielen kann.

    Thomas Rückes, CEO von FMC (Foto: FMC)

    Herzlichen Glückwunsch zur erfolgreich abgeschlossenen Finanzierungsrunde! Was bedeutet diese Finanzierung für FMC und eure Wachstumsstrategie?

    Mit dem frischen Kapital können wir unsere Produkt-Roadmap konsequent umsetzen. Wir entwickeln sehr fortgeschrittene Compute-Systeme – von eigenen Chips über komplette Hardware- und Software-Lösungen bis hin zu integrierten Compute-Systemen für KI-Rechenzentren und Edge-Anwendungen.

    Die Finanzierung ermöglicht es uns nicht nur, diese Technologien auf den Markt zu bringen, sondern darauf aufbauend auch Umsatz sowie entsprechende P&L-Strukturen zu etablieren. So können wir gezielt Business Units aufbauen und damit das Wachstum von FMC nachhaltig vorantreiben.

    Speicherchips gelten als größter Flaschenhals im KI-Stack. Warum sind sie so entscheidend für KI-Rechenzentren – und wie adressiert FMC dieses Problem?

    In der Hardware-Architektur eines KI-Rechenzentrums arbeiten Prozessoren wie GPUs und CPUs – etwa von NVIDIA oder Intel – eng mit dem Speicher zusammen. Innerhalb eines Servers sind diese Recheneinheiten über elektrische Verbindungen mit DRAM angebunden. Dieser Speicher ist sehr schnell, aber flüchtig.

    Über optische Verbindungen erfolgt anschließend der Zugriff auf NAND-Storage, der teilweise auch in der Cloud liegt. Dieser ist deutlich günstiger und nicht flüchtig, dafür aber wesentlich langsamer. Jedes Mal, wenn Daten zwischen Chips, Compute, Memory und Storage bewegt werden, sinkt die verfügbare Bandbreite, die Latenz steigt und der Energieverbrauch nimmt zu.

    Gerade in Rechenzentren werden permanent sehr große Datenmengen hin- und herbewegt. Diese Chip-to-Chip-Kommunikation ist daher einer der zentralen Flaschenhälse, sowohl für die Performance als auch für die Energieeffizienz moderner KI-Rechenzentren.

    Eure DRAM+ und 3D-CACHE+ Technologien sollen die Systemeffizienz um mehr als 100 % steigern. Was macht Eure Lösung fundamental anders als etablierte Produkte?

    Der entscheidende Punkt ist, dass wir die benötigte Rechenleistung erreichen, ohne Daten permanent zwischen verschiedenen Chips hin- und herbewegen zu müssen. Je mehr Informationen im selben Chip verbleiben, desto schneller wird das Gesamtsystem und desto geringer ist gleichzeitig der Energieverbrauch. Genau hier setzt unsere Technologie an.

    Mit unserem Chip machen wir DRAM-Speicher nicht flüchtig. Dadurch entsteht deutlich weniger Datenverkehr zwischen Compute, Memory und Storage. Da unser Speicher zudem mehr Funktionen direkt im Chip übernehmen kann, reduzieren wir die Chip-to-Chip-Kommunikation massiv. Das führt zu einer signifikanten Steigerung von Performance und Effizienz in KI-Rechenzentren.

    Eine solche Lösung gibt es in dieser Form aktuell nicht am Markt. Entsprechend disruptiv ist unser Ansatz, gerade mit Blick auf KI-Rechenzentren, die heute die komplexesten und leistungsfähigsten Computersysteme darstellen, die die Menschheit entwickelt.

    Viele bestehende Ansätze versuchen, die Kommunikation zwischen Chips oder zwischen Memory und Storage über Photonik oder optische Interconnects zu verbessern. Das reduziert die Engpässe zwar, löst das grundlegende Problem aber nicht. Unser Ansatz geht einen Schritt weiter: Wir adressieren die Ursache und können das Problem tatsächlich lösen.

    Europa hat bisher kaum eigene Speicherchip-Angebote, während der Markt von USA, Südkorea und Taiwan dominiert wird. Wie wichtig ist FMC für die technologische Souveränität Europas?

    Die Problemstellung ist sogar noch komplexer. Die Headquarters der großen Hersteller sitzen überwiegend in den USA, Südkorea und Taiwan. Produziert wird zwar auch in anderen Regionen, etwa in Taiwan, Singapur, Japan oder China, doch in Europa gibt es praktisch keine entsprechenden Fertigungskapazitäten.

    Mit FMC wollen wir hier eine wichtige Rolle einnehmen. Wir planen, im kommenden Jahr mit unserem Produkt in den Markt zu gehen und anschließend gezielt zu skalieren. Unser klarer Fokus liegt auf KI-Rechenzentren, und wir stehen bereits im Austausch mit europäischen Rechenzentrumsbetreibern und Technologieunternehmen, bei denen wir unsere Speicherlösungen einführen möchten.

    Unsere Technologien können einen relevanten Beitrag zur Wertschöpfung in Europa leisten. Sie ermöglichen den Aufbau von KI-Rechenzentren mit weltweit führender Energieeffizienz, also sehr hoher Performance bei deutlich reduziertem Energieverbrauch.

    Welche Vorteile bietet der Standort Dresden für eure Entwicklung?

    Dresden bietet uns einen großen strategischen Vorteil, und wir planen, unseren Standort hier weiter auszubauen. Die Region verfügt über das fortgeschrittenste Halbleiter-Ökosystem in Deutschland und eines der führenden in Europa. Große Fabs wie GlobalFoundries oder Infineon sind vor Ort. Das ist sehr wertvoll, weil man unkompliziert persönliche Gespräche führen und Themen pragmatisch vorantreiben kann.

    Hinzu kommt die hohe Dichte an exzellenten Forschungsinstitutionen, bspw. mehrere Fraunhofer-Institute. Mit ihnen können wir sehr gezielt an modularen Lösungen arbeiten. Gleichzeitig ist das gesamte Zuliefer-Ökosystem vorhanden: Packaging-Unternehmen, Entwickler von Sampling-Boards, Softwarefirmen und viele spezialisierte kleinere Anbieter.

    Dieses Zusammenspiel aus Industrie, Forschung und spezialisierten Dienstleistern macht den Standort besonders stark. In anderen Teilen Deutschlands gibt es einzelne Elemente davon, aber das komplette Paket in dieser Tiefe und Dichte findet man aus unserer Sicht nur in Dresden.

    FMC wurde 2016 gegründet und hat sich in weniger als zehn Jahren zu einem führenden Player entwickelt. Welche Hürden musstet ihr auf dem Weg von der Forschung bis zur globalen Kommerzialisierung überwinden – und welche Meilensteine waren entscheidend?

    Ich selbst bin nicht seit der Gründung dabei, sondern erst vor einigen Jahren mit dem klaren Auftrag zu FMC gekommen, die entwickelte Technologie in marktfähige Produkte zu überführen und FMC als globale Halbleiterfirma aufzubauen. FMC ist als Ausgründung aus der Universität entstanden und war in der Anfangsphase stark von einer Forschungsmentalität geprägt.

    In den frühen Projekten mussten wir wichtige Lektionen lernen. Nur weil ein Device technisch gut funktioniert, heißt das noch lange nicht, dass daraus automatisch ein attraktives Produkt entsteht, für das Kunden auch bereit sind zu zahlen. Auf dieser Basis wurden die Technologieentwicklungsansätze angepasst und auf deutlich klarere, marktrelevante Technologieschienen gelenkt.

    Solche Pivots sind bei Hard-Tech- und Emerging-Memory-Unternehmen nahezu die Regel. Die fokussierte Weiterentwicklung einer Technologie hin zu einer neuen, klar definierten Anwendung braucht Zeit.

    In den vergangenen zwei Jahren konnten wir dann konkrete Produkte entwickeln. Das erfordert allerdings auch deutlich mehr Kapital. Das ist ein wesentlicher Grund für die große Finanzierungsrunde, die wir jetzt abgeschlossen haben. Parallel bauen wir ein Team aus sehr erfahrenen Halbleiterexperten und Produktprofis auf, das in der Lage ist, diese hochkomplexen Systeme nicht nur zu entwickeln, sondern auch kosteneffektiv auf den Markt zu bringen. Genau hier setzen wir jetzt die nächsten entscheidenden Schritte.

    Welche Rolle spielte der HTGF als früher Investor für eure Entwicklung?

    Der HTGF war der erste institutionelle Investor bei FMC und hat insbesondere in der frühen Unternehmensphase eine zentrale Rolle gespielt. Yann Fiebig hat das Gründerteam als Beiratsmitglied eng begleitet und unter anderem bei der Strukturierung und Verhandlung des IP-Vertrags mit der Universität unterstützt: ein entscheidender Schritt für die spätere Skalierung.

    Darüber hinaus hat der HTGF wesentlich dazu beigetragen, die Grundlage für weitere Finanzierungsrunden zu legen. So entstand der Kontakt zum Lead Investor der Series B auf dem HTGF Family Day, was einen wichtigen Meilenstein in unserer Wachstumsphase markierte.

    Der HTGF hat FMC von der frühen technologischen Idee an eng begleitet und mit der aktuellen Finanzierungsrunde kommen nun der DTCF und weitere starke Partner hinzu, um die nächste Phase unseres Wachstums und die globale Skalierung weiter voranzutreiben.

    Was steht nach der 100 Mio. € Finanzierung als nächstes an?

    Im Fokus stehen nun die Produktqualifikation und die kosteneffiziente Kommerzialisierung unserer Technologien. Ziel ist es, unsere Margen- und Umsatzziele zu erreichen und darauf aufbauend die Firma konsequent zu skalieren. Damit schaffen wir die Grundlage, FMC als weltweit führenden Anbieter von Memory-Lösungen aus Europa heraus für den globalen Markt zu etablieren.

    Was hast du persönlich aus dieser Reise gelernt als Startup-CEO in einer Deep-Tech-Branche?

    Es ist ja nicht mein erstes Rodeo. Ich versuche, die Erfahrung, die ich seit 2001 in der globalen Halbleiterindustrie gesammelt habe, konsequent anzuwenden, um FMC bestmöglich aufzubauen. Ich habe meine Lektionen gelernt und jetzt geht es darum, sie umzusetzen und eine wirklich gute Firma zu bauen und bisher läuft dieser Weg nach Plan.

    Welche Ratschläge würdest du anderen Gründerinnen und Gründern geben, die im Deep-Tech-Sektoren starten wollen?

    Deep-Tech ist deutlich komplexer als beispielsweise viele klassische Softwareprodukte. Es ist leider sehr einfach, viel Kapital einzusetzen und am Ende nur begrenzte Ergebnisse zu erzielen, weil man sich in einem technologischen Labyrinth bewegt, in dem man sehr viele Schritte im Voraus denken muss.

    Die Entwicklung von Deep-Tech- und insbesondere Halbleiterprodukten ist extrem kapitalintensiv und erfordert die enge Zusammenarbeit vieler interner und externer Partner. Ein solches Produkt aufzubauen ist in etwa so komplex wie die Entwicklung eines neuen Autos. Dafür braucht es einen klaren Plan, starke Strukturen und professionelles Projektmanagement. Strukturen, wie man sie sonst eher aus größeren Unternehmen kennt. Gleichzeitig muss man diese Prozesse in einem Startup etablieren, ohne die notwendige Flexibilität und Geschwindigkeit zu verlieren.

    Mein Rat an Gründerinnen und Gründer ist daher: mit maximalem Einsatz arbeiten, sich aber frühzeitig mit den richtigen Expertinnen und Experten umgeben, die die Industrie wirklich verstehen und von ihnen lernen. Entscheidend ist, nicht nur an Problemen zu arbeiten, sondern an den richtigen Problemen und mit dem richtigen Timing.

    Vielen Dank, Thomas, für deine Zeit und deine Erkenntnisse!

  • „Eine neue Option für schwer behandelbare Krebsarten schaffen“ – Interview mit Dominik Schumacher, CEO und Co-Founder von Tubulis 

    „Eine neue Option für schwer behandelbare Krebsarten schaffen“ – Interview mit Dominik Schumacher, CEO und Co-Founder von Tubulis 

    „Eine neue Option für schwer behandelbare Krebsarten schaffen“ – Interview mit Dominik Schumacher, CEO und Co-Founder von Tubulis 

    Tubulis hat mit seiner jüngsten Series-C-Finanzierung und den ersten klinischen Daten zu einem neuartigen Antikörper-Wirkstoff-Konjugat (ADC) gegen Eierstockkrebs gleich zwei entscheidende Meilensteine erreicht. Im Gespräch erklärt CEO und Co-Founder Dominik Schumacher, wie das Unternehmen die Grenzen bisheriger ADC-Ansätze überwindet, warum strategische Partnerschaften wichtig sind und welche Vision Tubulis für die Zukunft der Krebsbehandlung verfolgt. 

    Dominik Schumacher, CEO und Co-Founder von Tubulis (Bild: Tubulis)

    Herzlichen Glückwunsch zur Series C-Finanzierung! Was war der Schlüssel zum Erfolg in diesem Prozess, und wie wollt ihr die neuen Mittel einsetzen? 

    Natürlich haben die starken präklinischen Daten sowie die ersten positiven klinischen Ergebnisse eine starke Basis gebildet, die unseren differenzierten ADC-Ansatz validieren und dessen breites Potenzial in verschiedenen Krebserkrankungs-Settings unterstreichen.  

    Mit der Finanzierung werden wir die weitere klinische Entwicklung unsers Hauptkandidaten TUB-040 beschleunigen und auch unsere restliche firmeneigene Pipeline weiter ausbauen, Hierzu gehört neben TUB-040 auch unser zweiter klinischer Kandidat TUB-030 sowie mehrere präklinische Programme. Zudem werden wir auch weitere Innovationen in allen Bereichen der ADC-Entwicklung auf der Grundlage unserer firmeneigenen Plattformtechnologien vorantreiben. Unser übergeordnetes Ziel ist es, ADCs in neuartige Therapie-Anwendungen zu integrieren und sie zu einer Standardbehandlung im Bereich Onkologie zu machen, auch in frühen Behandlungslinien. 

    Die Finanzierung war nur ein wichtiger Meilenstein im Oktober: Tubulis hat auch erste klinische Daten veröffentlicht, die eine vielversprechende Wirksamkeit und gute Verträglichkeit bei Patientinnen mit Eierstockkrebs zeigen. Was bedeuten diese Ergebnisse für dich und das Team – und wie ordnest du diesen Erfolg ein? 

    Die Daten validieren unseren Ansatz und sind der erste klinische Beleg, dass wir mit unserer neuartigen Technologie bisherige Toxizitäts-bedingte Limitierungen für ADCs überwinden können. Besonders das breite therapeutische Fenster und das gute Nebenwirkungsprofil sollten Ärztinnen und Ärzten eine Flexibilität in der langfristigen Behandlung ermöglichen, die momentan so nicht gegeben ist. Insgesamt zeigen diese ersten Ergebnisse, dass wir auf dem richtigen Weg sind und hiermit Patientinnen mit dieser schwer behandelbaren Krebsart möglicherweise eine neue Behandlungsoption bieten könnten.  

    Kannst du in wenigen Sätzen erklären, was eure Technologie besonders macht – und warum sie für Patientinnen und Patienten einen echten Unterschied bedeuten könnte? 

    Bei unserer firmeneigenen Tubutecan-Technologie kombinieren wir unser einzigartiges P5-Konjugationssystem mit einem sehr potenten zytotoxischen Wirkstoff (einem sog. Exatecan) Hierdurch können wir stabile, hochgradig zielgerichtete ADCs entwickeln, die für die Abgabe der Chemotherapie Exatecan an die Krebszellen optimiert sind und gleichzeitig eine unspezifische systemische Toxizität minimieren. Die hieraus resultierenden ADC-Kandidaten sollen die wesentlichen Einschränkungen von ADCs der früheren Generationen überwinden, wie z. B. unspezifische systemische Toxizität oder ein enges therapeutisches Fenster. Zudem können wir durch die einzigartige Chemie neuartige Antikörper-Wirkstoff-Kombinationen generieren und so potenziell neue therapeutische Möglichkeiten bereitstellen. 

    Wie ist es euch im aktuell schwierigen Marktumfeld gelungen, Investoren zu überzeugen – und welche Rolle spielt dabei ein Frühphaseninvestor wie der HTGF? 

    Frühphaseninvestoren sind auf jeden Fall sehr wichtig und in Deutschland gibt es hier zum Glück ein starkes Ökosystem, insbesondere für junge Ausgründungen auf ihren ersten Schritten. Zudem haben wir schon frühzeitig angefangen, laufend mit (potenziellen) Investoren zu sprechen und im Feld sichtbar zu sein. Natürlich haben auch unsere starken Daten dazu beigetragen, Investoren zu überzeugen. Wichtig ist aber auch, dass man sich frühzeitig strategisch gut aufstellt und einen klar differenzierten Businessplan auf die Beine stellt.  

    ADC-Therapien sind ein stark wachsendes Feld. Wie wichtig sind Kooperationen mit anderen Unternehmen oder Forschungspartnern für euren Erfolg? 

    Wir glauben, dass Synergien dazu beitragen können, innovative Ideen schneller zu den Patienten zu bringen. Daher haben wir neben unserer unternehmenseigenen Pipeline auch verpartnerte Programme, unter anderem mit Gilead und BMS, von denen eines auch bereits in die klinische Phase fortgeschritten ist. Wir werden daher auch weiterhin die Möglichkeit zusätzlicher strategischer Partnerschaften evaluieren, um den Einsatzbereich und Wirkungsumfang unserer Technologieplattformen zu maximieren.  

    Ihr habt Tubulis aus der akademischen Forschung heraus gegründet und zu einem klinischen Unternehmen aufgebaut. Wie schafft ihr es, euer Team auf diesem anspruchsvollen Weg zu motivieren und eine gemeinsame Vision zu leben? 

    Ein gutes Team ist für den Erfolg essenziell. Ich bin jeden Tag aufs Neue begeistert, mit so einem engagierten, exzellenten und starken Team zu arbeiten. Wir sind sehr stolz auf unsere herausragenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ohne die der Weg bis hierher nicht möglich gewesen wäre. Uns vereint das gemeinsame Ziel, mit unseren differenzierten ADC-Ansätzen einen wirklichen Mehrwert für Patientinnen und Patienten zu schaffen. Das ist eine große treibende Kraft für uns alle. Dass wir in unseren ersten klinischen Ergebnissen sehen, dass wir hier auf einem guten Weg sind, gibt uns natürlich extra Motivation für die nächsten Schritte. 

    Welche Fähigkeiten braucht man als Wissenschaftler, um erfolgreich Unternehmer zu werden – und was hast du persönlich auf dieser Reise gelernt? 

    Durchhaltevermögen sowie vor allem die Fähigkeit, sich von Misserfolgen nicht entmutigen zu lassen, sondern diese als Chance ansehen, aus ihnen zu lernen und es das nächste Mal besser zu machen. Man sollte sich selbst immer hinterfragen und bereit sein, sich zu verändern und Verantwortung abzugeben – am Ende muss man genauso schnell wachsen und sich verändern wie das Unternehmen selbst. Zudem ist es wichtig, sich von Anfang Gedanken über die langfristige Strategie und übergreifenden Ziele zu machen.  

    Welche Rahmenbedingungen hierzulande haben euch geholfen – und wo siehst du noch Verbesserungspotenzial für junge Biotech-Unternehmen? 

    Insbesondere die sehr frühe Förderung in der Ausgründungsphase ist in Deutschland sehr gut, hier haben uns beispielsweise Institutionen wie das UnternehmerTUM sowie Auszeichnungen wie der m4 Award und der Leibniz-Gründungspreis sehr unterstützt. Auch Frühphasenfonds wie der HTGF waren essenziell für unsere Entwicklung, insbesondere in den ersten Jahren. Bis zum Erreichen der ersten größeren Validierungs-Meilensteine sehen wir in Deutschland allerding noch eine gewisse Finanzierungslücke. Zudem denke ich, dass eine frühe Förderung des Entrepreneurship-Denkens bereits in der Uni oder sogar schon in der Schule eine gute Sache wäre.  

    Wenn du fünf Jahre in die Zukunft blickst: Wo siehst du Tubulis – und was wünschst du dir, was bis dahin erreicht ist? 

    Unsere Ziele sind zum einen der erfolgreiche Abschluss der beiden Phase-1/2-Studien mit unseren Hauptkandidaten TUB-030 und TUB-040 mit einem soliden klinischen Wirksamkeitsnachweis. Zum anderen wollen wir unsere Pipeline erweitern, indem wir unsere zusätzlichen ADC-Programme in die klinische Phase vorantreiben. Weiterhin möchten wir unsere globale Präsenz und operative Flexibilität durch den fortlaufenden Ausbau unserer Unternehmensinfrastruktur stärken. Hierbei spielen unsere neu gegründeten Tochtergesellschaften in den USA (Cambridge, Massachusetts) und der Schweiz (Lausanne) eine wichtige Rolle. Generell möchten wir uns fest als globaler Innovationsführer im Bereich ADC-Therapien etablieren. Hierfür werden wir weiterhin kontinuierlich unser Portfolio an unternehmenseigenen Zielstrukturen, Payloads und Konjugationstechnologien ausbauen. Unser langfristiges Ziel ist klar: Wir möchten Krebspatientinnen und -patienten neue Behandlungsoptionen mit echtem Mehrwert liefern. 

    Vielen Dank für deine Zeit und deine Erkenntnisse! 

  • Netzwerk zum Mittagessen: die VC Lunches des HTGF-Investment Team 

    Netzwerk zum Mittagessen: die VC Lunches des HTGF-Investment Team 

    Was 2021 in Hamburg begann, ist heute eine feste Größe im deutschen Venture-Capital-Ökosystem: die VC Lunches. Die Idee war simpel: Investor:innen von VCs, CVCs, Family Offices und aktiven Business Angels in entspannter Atmosphäre zusammenbringen – ohne Agenda. Networking pur, aber mit einem klaren Ziel: Austausch in Städten jenseits der großen Hubs Berlin und München. Die Themen reichen vom Deal Flow, über Investment-Trends bis zu privaten Themen. 

    Johannes Dierkes, Senior Investment Manager beim HTGF

    Der erste VC Lunch fand am 9. Juli 2021 im „Café Paris“ nahe dem Hamburger Rathaus statt – unter Corona-Auflagen und mit gerade einmal 14 Teilnehmenden – Initiator und Organisator in Hamburg ist Johannes Weber, heute Principal beim HTGF. Heute treffen sich in Hamburg rund 35 Investorinnen und Investoren regelmäßig, unterstützt von Partnern wie DTCP und T. Capital. 

    Im nächsten Jahr setzten Maurice Kügler und Johannes Dierkes das Format im Rheinland auf: als Selbstzahler-Event in einem Kölner Brauhaus. Inzwischen ist der alle drei Monate stattfindende VC Lunch Cologne DAS etablierte Branchentreffen für InvestorInnen im Rheinland und mit regelmäßig bis zu 100 Teilnehmenden der größte der VC Lunches, die vom HTGF-Investment Team organisiert werden. Dank Sponsoren wie Gateway Uni Köln oder KölnBusiness war es möglich, statt in Restaurants auf größerer Fläche und mit Stehtischen eine entspannte Atmosphäre für den unkomplizierten Austausch zu schaffen. 

    Auch Münster und Mitteldeutschland haben eigene Ausgaben. In Münster organisieren Christian Arndt und Ann-Christin Kortenbrede (Gründerfonds Ruhr, davor eCapital) seit 2023 Lunches mit rund 20 Gästen. Martin Möllmann vom Berliner Team bringt seit 2023 Investoren und Investorinnen aus Mitteldeutschland zusammen, bisher in Leipzig, Erfurt und Halle – feste Partner sind Spinlab, Occident und SI Ventures, je nach Ort kommen lokake Partner wie bm-t oder das Investforum Halle dazu. „Mit unserem VC Lunch in Mitteldeutschland bringen wir die wachsende Szene in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zusammen und schaffen einen aktiven Austausch zwischen den verschiedenen Investorengruppen.“, sagt Martin. „Einfach eine tolle Plattform für die Teilnehmer.“ 

    Die VC Lunches sind mehr als ein Mittagessen. Sie sind eine Plattform für Dealflow. Sie stärken regionale Ökosysteme und schaffen Verbindungen, die sonst nicht entstehen würden. Was als kleine Runde in Hamburg begann, ist heute eine wachsende Community in mehreren Regionen – und ein Beweis dafür, dass Netzwerk nicht nur in den großen Hubs lebt. Auf LinkedIn sind die Teilnehmer:innen immer voll des Lobes für die Veranstaltungen, die sich zu einer festen Plattform für den Austausch entwickelt haben. 

    Ihr habt Interesse, beim nächsten Mal dabei zu sein? Kontaktiert Johannes Weber, Maurice Kügler, Johannes Dierkes, Christian Arndt, oder Martin Möllmann auf LinkedIn, um euch eine Einladung zu sichern. 

  • Sebastian Borek im Interview

    Sebastian Borek im Interview

    Sebastian Borek im Interview: Gründergeist, KI und ein Zukunftsbild für Europa 

    Seit Mitte Oktober ist Sebastian Borek Teil der HTGF-Geschäftsführung und verantwortet den Investmentbereich Digital Tech. Gemeinsam mit Romy Schnelle und Dr. Achim Plum bildet er das neue Führungstrio. Im Gespräch erklärt Sebastian, warum Deutschlands Zukunftsfähigkeit ihn antreibt, welche Rolle der HTGF für den VC-Markt und den Innovationsstandort spielt und wie KI neue Geschäftsmodelle ermöglicht und die Venture-Welt verändert. 

    Sebastian, du bist seit dem 13. Oktober Teil der Geschäftsführung beim HTGF – und das, obwohl du gar nicht auf der Suche warst. Was hat dich gereizt, hier einzusteigen? 

    Sebastian: Mich fasziniert es, Technologien ganz früh zu entdecken und wirklich am Puls der Zeit zu sein. Diese Welt verändert sich in absurd hohem Tempo und ich liebe es, dort aktiv mitzuwirken. Gleichzeitig treibt mich der übergeordnete Auftrag an: Die Zukunftsfähigkeit Deutschlands und Europas gemeinsam mit Industrie und Politik zu gestalten. Der HTGF ist dafür ideal positioniert. Mit unserem Public-Private-Setup haben die Ressourcen und die richtige Expertise, um wirklich sehr breit aufgestellt zu sein. Unser Team ist nah an der Forschung und europaweit dort vernetzt, wo innovative Technologien entstehen. So können wir Zukunftstechnologien nicht nur identifizieren, sondern in die Anwendung bringen und echten Wert schaffen. Wir verstehen uns als Think Tank für Industrie, Mittelstand und den Wirtschaftsstandort insgesamt. 

    Du bildest gemeinsam mit Romy Schnelle und Achim Plum das neue Führungstrio. Was macht diese Konstellation für dich aus? 

    Sebastian: Für mich war das Teamgefüge einer der entscheidenden Punkte. Ich habe Romy und Achim früh im Prozess kennengelernt und sofort gespürt: Das passt. Wir ergänzen uns perfekt – unterschiedliche Erfahrungen, aber ein gemeinsames Verständnis und eine richtig gute Stimmung miteinander. Wir verantworten drei Bereiche mit unterschiedlichen Ökosystemen. Diese Expertise aufzuteilen und gleichzeitig in der Geschäftsführung zu einer ganzheitlichen Strategie zusammenzuführen, ergibt für mich absolut Sinn. Wir denken gemeinsam und handeln in den Investmentbereichen marktgerecht.  

    Sebastian Borek, Geschäftsführer vom HTGF (Foto: Patrycia Lukas)

    Wie hast du den HTGF bisher erlebt? 

    Sebastian: Ich erlebe den HTGF menschlich wirklich top: ein engagiertes Team mit hoher Leistungsbereitschaft, Verantwortungsgefühl und einer beeindruckenden Kompetenzbreite. Der HTGF ist groß und komplex und umso positiver überrascht bin ich, wie viel Substanz hier schon vorhanden ist und wie gut alles organisiert ist. 

    Ich führe aktuell viele Gespräche, oft reicht die Zeit gar nicht. Gerade die informellen Begegnungen in der Kaffeeküche oder beim Lunch geben mir ein gutes Gefühl. Bald möchte ich auch unser Berliner und Münchner Büro noch intensiver kennenlernen. Insgesamt bleibt bei mir ein ausgesprochen positiver Eindruck. 

    Du hast selbst Unternehmen aufgebaut und Ökosysteme geschaffen – von der Founders Foundation bis Hinterland. Wie bringst du dieses Gründerdenken jetzt in den HTGF ein?  

    Sebastian: Ich habe in den vergangenen Jahren viel darüber gelernt, wie man Unternehmen aufbaut und Ökosysteme schafft. Diese Erfahrungen möchte ich einbringen – dort, wo sie dem HTGF helfen. Gleichzeitig gibt es hier bereits viele Stärken, an die ich anknüpfen möchte. Mein Anspruch ist Best of Both Worlds. 

    Aus der Hinterland weiß ich, wie man Brücken baut: zu Mittelstand und Industrie, zu Gründerinnen und Gründern, zu Investoren und Politik. Diese Kompetenzen haben wir im HTGF, jetzt geht es darum, sie noch gezielter auszurichten. Bevor ich aber Konzepte von außen übertrage, will ich den HTGF wirklich verstehen. Welche verborgenen Potenziale stecken in der Organisation? Wie können wir sie gemeinsam heben? Dieser Zeitpunkt ist ideal, um das neu zu definieren – und genau daran arbeite ich gerade. 

    Wie siehst du die Rolle des HTGF im VC-Markt und für den Wirtschaftsstandort? 

    Sebastian: Der HTGF war vor 20 Jahren Motor der deutschen VC-Szene. Wir haben die Frühphase mit aufgebaut und diesen Auftrag sehr erfolgreich wahrgenommen. Heute geht es darum, wieder Vorbild zu sein. Unsere Public-Private-Struktur gibt uns die Möglichkeit, neue Wege zu gehen und genau das ist unser Auftrag. Wir müssen identifizieren, wo Märkte nicht effizient funktionieren, wo relevante Bedürfnisse entstehen, die andere VCs nicht adressieren. Dort können wir Impulse setzen. 

    Die Wirtschaft befindet sich in einer tiefen Transformation. Künstliche Intelligenz verändert weit mehr als Prozesse und hat starke gesellschaftliche Implikationen. Deshalb müssen wir uns fragen: Wie stellen wir uns für die Zukunft auf und welche Schwerpunkte setzen wir? 

    Das ist eine spannende Phase: Die nächsten 20 Jahre neue Impulse zu setzen, Ökosysteme aufzubauen, Talente in die Gründung zu bringen, Startups mit der Industrie zu vernetzen und so Innovationskraft für den Standort zu schaffen. Diese Mission gilt weiterhin, muss aber neu gedacht und marktgerecht angewendet werden. 

    Genau das ist Teil unseres strategischen Prozesses: klare Investmenthypothesen entwickeln, die nicht nur aktuelle, sondern zukünftige Marktbedürfnisse adressieren. Wir sind über 100 Köpfe mit unterschiedlichen Kompetenzen und Perspektiven. Diese Vielfalt nutzen wir, um eine starke Strategie zu formulieren. Mein Anspruch ist klar: Wir müssen Vorreiter sein und wir können es. 

    Welche Rolle spielt die enge Anbindung des HTGF an Industriepartner und den Mittelstand? 

    Sebastian: Unsere enge Anbindung an Industrie und Mittelstand ist einer unserer großen Wettbewerbsvorteile. Wir ermöglichen Startups den Zugang zu etablierten Unternehmen und helfen gleichzeitig der Industrie, früh Innovation zu erkennen und nutzbar zu machen. Die Industrie sucht Lösungen, Startups bringen die Agilität und den Mut, neue Geschäftsmodelle auszuprobieren. Diese Lücke schließen wir, wie eine Art verlängerter R&D-Prozess für die Wirtschaft. 

    KI wächst rasant und fordert Gründer wie VCs heraus. Die zentrale Frage lautet: Auf welche Technologie setze ich? Märkte verändern sich schnell, deshalb müssen Produkte, Geschäftsmodelle und auch wir als Investoren heute viel anpassungsfähiger und agiler sein. 

    Gerade für die Industrie und Familienunternehmen ist das eine enorme Herausforderung. Sie tragen Verantwortung für ihre Regionen und Arbeitsplätze und stehen unter großem Druck. Hier können wir helfen: Wir sind der Partner, der die richtigen Investments identifiziert und Innovation als Wettbewerbsvorteil nutzbar macht. Unsere Rolle ist es, Brücken zwischen Startups und Industrie zu bauen. Und diese Brücke wird durch KI und Transformation noch wichtiger. 

    Du verantwortest künftig den Investmentbereich Digital Tech. Welche Entwicklungen werden die nächsten Jahre prägen? Wie bereitet ihr euch darauf vor? 

    Sebastian: KI wird in den nächsten Jahren ein ganzes Spektrum an Geschäftsmodellen verändern. Wir müssen sehr genau hinschauen: Wer wird durch KI disruptiert und wer kann sie nutzen, um schneller zu wachsen? Die Herausforderung: Wir denken häufig linear, doch die technologische Entwicklung ist exponentiell. Gerade im Digital-Tech-Bereich geht alles noch schneller. Das begeistert mich, birgt aber auch Risiken. Wir müssen erkennen, wo echte Substanz liegt: Proprietäre Daten, klare Anwendung, echte unfair advantages. 

    Deshalb bin ich ein großer Freund von hypothesenbasierten Investments: Wir entwickeln Leitthesen, was sich durchsetzt und welche Auswirkungen das auf Branchen hat und wir validieren diese Hypothesen kontinuierlich. Das ist der einzige Weg, klug zu investieren. Gleichzeitig braucht es tiefes Verständnis für Technologie und Märkte. Heute muss man als Investor inhaltlich auf Augenhöhe mit Gründerinnen und Gründern sein. Nur dann kommt man in die richtigen Cap Tables.  

    Du hast kürzlich gesagt, Deutschland müsse ein klares Signal senden, dass es Gründerinnen und Gründer anzieht. Wie könnte dieses Signal konkret aussehen? 

    Sebastian: Diese Frage beschäftigt mich seit über zehn Jahren. Wir sehen, dass die USA aktuell der stärkste Magnet für Gründer ist: größere Runden, höhere Risikobereitschaft, ein Ökosystem, das groß denkt. Das können wir kulturell nicht eins zu eins kopieren, aber wir müssen unsere eigenen Stärken ausspielen. 

    Deutschland und Europa brauchen ein klares Zukunftsbild. Ein Narrativ, das zeigt: Hier entstehen die Arbeitsplätze und Technologien von morgen. Statt nur zu sagen ‚Wir haben den Anschluss verloren‘, müssen wir neue Felder besetzen – Quantum Computing, Fusionstechnologie, humanoide Roboter. 

    Das ist kein Wunschdenken, sondern strategische Notwendigkeit. Wir müssen Hypothesen entwickeln, wo wir in zehn Jahren führend sein wollen, und die Kompetenzen dafür aufbauen. Der HTGF kann hier Impulsgeber sein – nicht nur für Deutschland, sondern für Europa. Wir haben die Möglichkeit, Ökosysteme zu vernetzen und Forschung in die Anwendung zu bringen. 

    Von Lissabon nach Bonn – was nimmst du aus der portugiesischen Startup-Szene mit, das Deutschland guttun würde? 

    Sebastian: In Lissabon lebt man den europäischen Gedanken viel stärker. Das Ökosystem ist international und Portugal hat sich bewusst als Startup-Hub positioniert. Das zieht an und zeigt: Wenn Politik und Akteure ein klares Zielbild haben, entsteht Dynamik. ‚Attract, don’t chase‘ – das ist die Devise. Man muss ein Gefühl dafür entwickeln, was man sein möchte, und konsequent darauf hinarbeiten. 

    Dieses Mindset möchte ich auch beim HTGF einbringen: Wir brauchen Netzwerke, internationale Anschlussfähigkeit und ein Narrativ, das zu unseren Stärken passt. Europa hat enormes Potenzial, wir müssen es nur aktiv heben. 

    Und ganz zum Schluss: Wenn du in drei Jahren zurückblickst, woran möchtest du dich messen lassen? 

    Sebastian: Das Wichtigste ist für mich, dass alle im HTGF Freude daran haben, zur Arbeit zu kommen und zwar nicht nur, weil wir eine gute Kultur und schöne Büros haben. Sondern weil sie wissen: Das, was wir tun, hat echten Wert. Wir entfalten Zukunftsfähigkeit. 

    Wenn wir das nicht nur im HTGF, sondern in unserem gesamten Ökosystem schaffen, bin ich glücklich. Ich möchte eine Zukunftsfreudigkeit entfachen, ein Gefühl, dass es jetzt losgeht und dass es Sinn macht. Wenn nicht wir, wer dann? Wenn nicht jetzt, wann dann? 

  • Interview mit Julian Wiedenhaus zur Plancraft Series B

    Interview mit Julian Wiedenhaus zur Plancraft Series B

    „Aus komplexer Arbeit wird ein einfacher Zuruf“ – Interview mit Julian Wiedenhaus zur Plancraft Series B

    Inmitten von Fachkräftemangel im Bauwesen und steigenden Anforderungen durch die Klimaziele setzt plancraft auf digitale Lösungen, die Handwerksbetriebe effizienter machen und Prozesse neu denken. Wir haben mit Julian Wiedenhaus, CEO von plancraft gesprochen: über KI im Handwerk, europäische Expansion und Skalierung nach der €38M Series B. 

    Julian Wiedenhaus, Mitgründer von plancraft. Einer App/Software und KI-Agenten für Handwerker. Fotografiert in den Büroräumen von plancraft in Hamburg, Deutschland. (Bild: Maria Feck)

    TL;DR: Plancraft nach der Series B – Die 5 wichtigsten Erkenntnisse 

    • Expansion in 5 Länder (NL, IT, ES, PL, DE) mit eigenen Teams. 
    • Niederlande am experimentierfreudigsten – Handwerker/innen haben in Europa überall gleiche Pain Points: zu viel Büroarbeit, fehlende Übersicht. Die Mentalität bezüglich Innovation und dessen Adaption ist jedoch unterschiedlich.  
    • Kultur braucht Active Leadership – Leading by example, feste Rituale und konstante Investments (Events, Workations) lassen #stoked #together #humble als Kultur skalieren 
    • Digitaler Meister spart Bürozeit – KI-Co-Worker wird Angebote, Rechnungen, Telefonie, Zeiterfassung oder Baustellen Dokumentation für ~20.000 Handwerker übernehmen in Zukunft 
    • Vision 2028: Europäischer Standard – Plancraft als Backbone für Bau & Handwerk, digitaler Meister auf jeder Baustelle, messbarer Klima-Impact durch Effizienzgewinne mit KI und höherer Adaption von Technologie durch Generationswechsel 

    Glückwunsch zur Series B! Welche konkreten Meilensteine hat Plancraft 2025 vor und nach der €38M Series B schon erreicht? 

    Danke! Rückblickend drei glasklare Erfolge: der größte Meilenstein war, dass wir die 20.000 Kunden überschritten haben, denen wir jeden Tag im Handwerk Freiraum schaffen. Zusätzlich haben wir plancraft krass skaliert und reifen lassen, entsprechend war für uns auch ein wichtiger Meilenstein erreicht, als unsere Organisation komplett wurde. Wir haben unser Management-Team voll besetzt – inklusive VP-Layer – und ein starkes Go-to-Market-Team mit vier Head-ofs in Sales, Marketing, Customer Success und Revenue Operations aufgebaut. Das war entscheidend, um Plancraft von einem schnell wachsenden Startup in ein skalierbares Unternehmen zu überführen. 

    Parallel haben wir unsere europäische Expansion gestartet: Inzwischen haben wir eigene Mitarbeiter:innen in den Niederlanden, Italien, Spanien und Polen. Damit haben wir die Basis gelegt, um unsere Handwerker-Software wirklich als europäische Plattform für das Bau- und Handwerkswesen zu etablieren. 

    Ihr setzt stark auf KI. Welche Anwendung wird Handwerker:innen im Alltag als erstes wirklich spürbar helfen? 

    Für Handwerksbetriebe bedeutet jede Minute im Büro verlorene Wertschöpfung. Unser größter Hebel liegt daher im digitalen Meister – einem intelligenten Co-Worker, der Büroarbeit übernimmt, denkt und mitlernt. So wie es bei uns zwei Kern Usergruppen gibt – Backoffice und Baustelle – so sind auch die spürbaren Hilfen unterschiedlich: 

    Im Backoffice übernimmt der digitale Meister Routineaufgaben wie Angebote, Rechnungen, Telefonie oder Dokumentationen und digitale Zeiterfassung. Er denkt mit, strukturiert Projekte automatisch und spart so viele Stunden Verwaltungsaufwand. 

    Für Baustellen-User soll der digitale Meister buchstäblich in der Hosentasche auf Abruf sein: per Sprachbefehl können Handwerker Berichte zum Arbeitstag erstellen lassen oder Informationen aus ihren Projekten abrufen – etwa: „Welches Material ist im Leistungsverzeichnis für die Dampfsperre auf dem Dach hinterlegt?“ 

    So wird aus komplexer Büroarbeit ein einfacher Zuruf – und das ist echte Entlastung im Alltag. Besonders spannend: Im Handwerk sind die besten Fachkräfte häufig zugleich Geschäftsführer:innen oder Meister:innen, die ohnehin zu viel Verantwortung tragen. Wenn wir ihnen Stunden an Overhead abnehmen, gewinnen sie wertvolle Zeit für Baustelle, Team und Kund:innen. 

    Ihr seid inzwischen also in Ländern wie den Niederlanden, Italien oder Österreich aktiv. Wie unterscheiden sich bei den Handwerksbetrieben in Europa die Haltung gegenüber Digitalisierung und KI? 

    Ja, vor allem in der Offenheit für neue Technologien. In den Niederlanden sehen wir die größte Experimentierfreude – dort wird schnell ausprobiert und skaliert, wenn etwas funktioniert. In Deutschland ist der Anspruch an Genauigkeit und Datenqualität höher, was die Einführung oft gründlicher, aber auch etwas langsamer macht. 

    Trotz dieser Unterschiede gilt überall dasselbe: Allen ist klar, dass sie digitale Lösungen brauchen. Die Probleme ähneln sich stark – zu viel Zeit fürs Büro, komplexe Planung und Organisation von Teams und Baustellen, und fehlende Übersicht im Alltag. Und alle wollen dasselbe: einfache, schnell lernbare Handwerker Software, die Arbeit wirklich abnimmt. 

    Wenn du direkt mit Handwerker:innen auf der Baustelle sprichst: Welche konkreten Insights gewinnst du daraus? 

    Vor allem, wie unterschiedlich die Herausforderungen wirklich sind – je nach Gewerk, Betriebsgröße oder technischer Offenheit. Ich höre genau hin, wo noch Zeit verloren geht, trotz digitaler Unterstützung. Diese Gespräche sind für uns Gold wert, weil sie zeigen, ob unsere Ideen wirklich im Alltag funktionieren. 

    Ich nehme aber auch viel darüber mit, wie Betriebe ihre Mitarbeiter:innen einbeziehen, welche Medien sie konsumieren oder welchen Influencern sie folgen. Das hilft uns zu verstehen, wem sie heute vertrauen – und wie wir sie in ihrer Realität am besten erreichen. 

    Am Ende wollen Handwerker:innen keine neuen Tools um der Tools willen, sondern Ruhe im Kopf – und Bau-Software, die spürbar Zeit schenkt. 

    Euer Team ist in kurzer Zeit massiv gewachsen. Wie hat Plancraft sein Team von 40 auf über 100 Mitarbeiter innerhalb eines Jahres skaliert? Welche konkreten Mechanismen nutzt ihr, um eure Unternehmenskultur zu bewahren? 

    Kultur passiert nicht von allein – sie muss aktiv gelebt und bewusst gepflegt werden. Das war eine der größten Erkenntnisse in der letzten Wachstumsphase. Auch wenn Kultur oft vage klingt, machen wir sie explizit: durch klare Werte, feste Rituale und ständige Bezugnahme auf unsere Strategie und Ziele. 

    Das Wichtigste bleibt: Leading by example. Kultur steht und fällt mit dem Verhalten des Leadership-Teams – aber sie lebt nur, wenn jede Person Verantwortung dafür übernimmt. 

    Wir investieren konstant in Kultur – mit Team-Events, Workations und Workshops, die Raum für Verbindung und Austausch schaffen. Denn je größer wir werden, desto wichtiger ist es, Nähe, Vertrauen und unsere gemeinsame Energie bewusst zu erhalten. 

    Welche Rolle wollt ihr mit Plancraft beim Erreichen der Klimaziele spielen? Wo seht ihr das Handwerk und Baugewerbe in drei Jahren? 

    Unsere Kund:innen sind der größte Hebel für die Klimawende. Sie bauen, sanieren, modernisieren – und entscheiden damit direkt über Energieeffizienz und Ressourcennutzung. 

    Wenn unsere Handwerker Software Büroarbeit reduziert, Leerfahrten vermeidet und Baufehler minimiert, dann schaffen wir Freiräume für genau diese Arbeit. Jede Stunde, die wir Handwerker:innen zurückgeben, kann in klimawirksames Bauen fließen. 

    In drei Jahren sehen wir Plancraft als europäischen Standard für Bau- und Handwerksbetriebe – und den digitalen Meister als festen Bestandteil jeder Baustelle. Der bereits gestartete Generationswechsel wird dabei sowohl zur Schließung, Konsolidierung, aber auch zur schnelleren Digitalisierung von Handwerksbetrieben führen. Wir sehen das als große Chance.  

    Julian Wiedenhaus, Mitgründer von plancraft. Einer App/Software und KI-Agenten für Handwerker. Fotografiert in den Büroräumen von plancraft in Hamburg, Deutschland. (Bild: Maria Feck)

    Über Julian Wiedenhaus und Plancraft 

    Julian Wiedenhaus ist CEO und Co-Founder von Plancraft, einer AI-first Handwerker Software mit Sitz in Hamburg. Das 2020 gegründete Unternehmen hat im Jahr 2025 eine Series B-Finanzierungsrunde über €38 Millionen abgeschlossen, angeführt von Headline, dem HTGF und Creandum. Plancraft beschäftigt rund 120 Mitarbeiter und betreut etwa 20.000 Handwerksbetriebe in Europa. 

    Plancraft positioniert sich als „European Contractor Operating System“ –KI-first SaaS-Plattform für Handwerksbetriebe. Die Software digitalisiert zentrale Prozesse wie Angebotskalkulation, digitale Zeiterfassung, Baustellendokumentation und Teamkommunikation. Mit dem „digitalen Meister“ setzt Plancraft auf einen KI-Co-Worker, der Büroarbeit automatisiert und Handwerkern mehr Zeit für ihre Kernarbeit verschafft. Das Unternehmen ist in Deutschland, den Niederlanden, Italien, Spanien und Polen mit eigenen Mitarbeitern aktiv und expandiert weiter in Europa. 

  • Interview mit casavi-CEO Peter Schindlmeier

    Interview mit casavi-CEO Peter Schindlmeier

    Mit KI zur smarten Immobilienverwaltung: Interview mit casavi-CEO Peter Schindlmeier zur Übernahme von MANAGBL.AI  

     Mit der Übernahme von MANAGBL.AI setzt casavi einen wichtigen strategischen Schritt in Richtung einer noch intelligenteren und effizienteren Immobilienverwaltung. Im Gespräch erläutert Peter Schindlmeier, CEO und Mitgründer von casavi, wie aus einer erfolgreichen Partnerschaft eine Übernahme wurde – und wie Künstliche Intelligenz künftig die Abläufe in der Branche nachhaltig verändern soll. 

    Er spricht über die Hintergründe der Integration von MANAGBL.AI in die casavi-Plattform, die Vorteile für Kunden und die Vision eines vollautomatisierten Immobilienmanagements in Europa. 

    Peter Schindlmeier, CEO und Mitgründer von casavi (Bild: casavi)

    Die wichtigsten Erkenntnisse aus unserem Gespräch: 

    • Strategische Übernahme: Aus einer erfolgreichen Partnerschaft zwischen casavi und MANAGBL.AI wurde die logische Weiterentwicklung – eine Übernahme, um KI-Kompetenz und Plattformstärke zu vereinen. 
    • Technologische Integration: Die KI von MANAGBL.AI wird schrittweise in die casavi-Plattform eingebunden und automatisiert künftig Kommunikations- und Serviceprozesse über mehrere Kanäle. 
    • Mehrwert für Kunden: Verwaltungen profitieren von direktem KI-Zugang über casavi, inklusive einer integrierten Lite-Version, die sofortige Entlastung im Tagesgeschäft ermöglicht. 
    • Zukunftsvision: casavi sieht Künstliche Intelligenz als Schlüssel zur vollautomatisierten, rund um die Uhr verfügbaren Immobilienverwaltung – und will zur führenden Plattform für digitales Immobilienmanagement in Europa werden. 

    Wie kam es zur Übernahme von MANAGBL.AI? Wie hat sich die Zusammenarbeit entwickelt? 

    Die Partnerschaft mit MANAGBL.AI begann 2023. Uns hat von Anfang an überzeugt, dass wir die gleiche Mission verfolgen: Immobilienverwaltungen durch digitale Lösungen zu entlasten. Gemeinsam konnten wir schnell über 150 Kunden mit KI-gestützter Anrufannahme und automatisierter Vorgangserstellung unterstützen. 

    Im Alltag hat sich gezeigt, wie gut sich die Technologien ergänzen und wie positiv das Kundenfeedback ausfällt. Daraus ist eine enge Zusammenarbeit entstanden, die jetzt im nächsten Schritt in einer Übernahme gemündet hat. 

    Für uns war das die logische Weiterentwicklung: Wir verbinden die KI-Expertise und Geschwindigkeit von MANAGBL.AI mit unserer Plattform- und Markterfahrung, um unseren Kunden künftig noch mehr Mehrwert zu bieten. 

    Was waren für euch die entscheidenden Gründe, MANAGBL.AI zu übernehmen? 

    MANAGBL.AI hat früh gezeigt, dass ihre KI-Lösung echte Entlastung im Alltag von Immobilienverwaltungen schafft. Dazu kam, dass unsere gemeinsame Kundengruppe den Nutzen in großer Anzahl klar bestätigt hat. Für uns war das die ideale Ergänzung: skalierende Technologie, hoher Marktfit und ein Team, das unsere Vision teilt. 

    Wie integriert Ihr die Technologie von MANAGBL.AI konkret in die casavi-Plattform?   

    Die KI-Technologie von MANAGBL.AI wird Schritt für Schritt in die casavi-Plattform eingebunden. Damit können Kunden künftig noch einfacher Anrufe, WhatsApp-Nachrichten oder E-Mails automatisch erfassen und direkt in casavi-Vorgänge überführen. Ziel ist es, dass allmählich fallabschließende Vorschläge unterbreitet werden können – unabhängig vom Kommunikationskanal. 

    Gleichzeitig bleibt MANAGBL.AI auch als eigenständige Lösung verfügbar, sodass bestehende Integrationen und die Produktentwicklung für nicht casavi Kunden nahtlos weiterlaufen. 

     Was sind eure nächsten Schritte? 

    Für unsere Kunden bedeutet die Übernahme vor allem eines: Die KI von MANAGBL.AI wird direkt über casavi verfügbar. Verträge und Service laufen dabei wie gewohnt über casavi, was den Zugang besonders einfach macht. 

    Bestandskunden erhalten zusätzlich eine eingebettete Lite-Version in casavi, um erste KI-Funktionen in der Kundenbetreuung sofort nutzen zu können, mit minimalstem Einrichtungsaufwand. In den nächsten Schritten werden wir tatsächlich weitere Kanäle anbinden. Dazu gehört Whatsapp und Web-Chats. Gleichzeitig legen wir den Fokus aber auch noch stärker auf das automatische Auslösen von Workflows, idealerweise bis hin zur vollautomatischen Klärung von Mieteranliegen. 

    Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz aktuell im Immobilienmanagement – und welches Potenzial seht ihr in den nächsten Jahren? 

    Heute hilft KI vor allem dabei, Anfragen schneller zu erfassen und richtig einzuordnen. Schon jetzt wird so viel Zeit im Tagesgeschäft gespart und der Service verbessert. In den nächsten Jahren sehen wir das größte Potenzial darin, Vorgänge vollständig fallabschließend zu bearbeiten – vom Eingang einer Anfrage bis zur automatisierten Lösung. Damit kann Service nicht nur deutlich effizienter, sondern auch rund um die Uhr verfügbar gemacht werden. Für Verwaltungen entsteht so ein ganz neues Servicelevel, das die Erwartungen von Eigentümern und Mietern nachhaltig übertrifft. 

    Was ist eure Vision für die Zukunft der digitalen Immobilienverwaltung in Europa? 

    Wir sind überzeugt, dass sich Gebäude in Zukunft sehr viel stärker automatisiert betreiben lassen, als dies heute der Fall ist. Von digitaler Mieterbetreuung bis Predictive Maintenance spielt dabei Künstliche Intelligenz eine zentrale Rolle. Dafür benötigt es jedoch eine umfassende Datenbasis, sowie die digitale Erreichbarkeit der verschiedenen Stakeholder, um Prozessabläufe wirklich end-to-end automatisieren zu können. Wir sehen uns deshalb mit casavi in einer hervorragenden Position, um die zentrale Plattform für diese moderne Form des Immobilienmanagements zu werden. 

    Vielen Dank für deine Zeit und das Gespräch! 

  • Interview mit Dr. Ingo Ramesohl

    Interview mit Dr. Ingo Ramesohl

    „Klares Zusammenspiel von Technologie, Marktbedarf und Klimanutzen“ – Interview mit Dr. Ingo Ramesohl, Geschäftsführer von Bosch Ventures

    Rabot Energy entwickelt Lösungen für dynamische Stromtarife und die intelligente Steuerung flexibler Verbraucher. Das ist ein wichtiger Hebel, um die Nachfrage besser mit dem schwankenden Angebot erneuerbarer Energien in Einklang zu bringen. 

    Bosch Ventures, der Corporate-Venture-Capital-Arm unseres Fondsinvestors Bosch, hat sich kürzlich an Rabot Energy beteiligt. Damit verstärkt ein führender Industrieakteur sein Engagement in einem Markt, der für Stabilität im Stromnetz, niedrigere Kosten für Verbraucher und echten Klimanutzen sorgt. 

    Anlässlich des Investments haben wir mit Dr. Ingo Ramesohl, Geschäftsführer von Bosch Ventures, über die Beweggründe für das Investment, die Zusammenarbeit mit Rabot Energy und die Rolle von Technologie und Daten in der Energiewende gesprochen. 

    Dr. Ingo Ramesohl, Geschäftsführer von Bosch Ventures (Foto: Bosch Ventures)

    Wie sind Bosch Ventures auf Rabot Energy aufmerksam geworden? 

    Wir wurden auf Rabot Energy aufmerksam, weil ihr Ansatz genau unser Interesse trifft: dynamische Stromtarife kombiniert mit intelligenter Steuerung flexibler Verbraucher. Ein starkes Konzept mit hohem Zukunftspotenzial. Durch den regelmäßigen Austausch mit dem HTGF (wir vertreten Bosch etwa im HTGF Digital Tech Investmentkomitee) hatten wir bereits sehr früh Kontakt. 

    Wie entwickelte sich die Zusammenarbeit mit Rabot Energy? 

    Sehr gut. Von Beginn an überzeugte uns Rabots ganzheitlicher Ansatz – von der Preisweitergabe bis zur Steuerung per App. Neben dem finanziellen Investment durch Bosch Ventures gibt es parallel erste sichtbare Ergebnisse der Zusammenarbeit zwischen Bosch und Rabot: Der Bosch Geschäftsbereich für Haushaltsgeräte etwa hat eine Funktion veröffentlicht, mit der Geräte automatisch zum günstigsten Zeitpunkt starten. Für unsere Marke Siemens Hausgeräte wurde dies als smartStart zur IFA kommuniziert – inklusive des Verweises auf Rabot Energy

    Was war ausschlaggebend für die Investment-Entscheidung? 

    Ausschlaggebend war das klare Zusammenspiel von Technologie, Marktbedarf und Klimanutzen – und das starke Team hinter Rabot. 

    Welches Potenzial bieten flexible Stromtarife für Elektronik-, Automobil- und Haushaltsgeräte? 

    Studien zeigen, dass bis 2035 etwa 10 % des deutschen Stromverbrauchs durch flexible Steuerung angeglichen werden könnten. Flexible Tarife tragen dazu bei, die Stromnachfrage besser mit dem Angebot abzugleichen, insbesondere wenn viel volatile Erzeugung aus Wind oder Solar im Netz ist. So entsteht Stabilität, Einsparpotenziale und geringere Kosten für Verbraucher. In der Automobilbranche ermöglichen flexible Tarife, Ladezeiten von E‑Autos so zu steuern, dass sie dann Strom beziehen, wenn dieser besonders günstig und klimafreundlich ist. Vehicle-to-Grid (V2G) bietet hier weitergehende Möglichkeiten. Bei Haushaltsgeräten können Nutzer ihre Geräte intelligent so einsetzen, dass sie z. B. dann laufen, wenn die Strompreise niedrig sind oder erneuerbarer Strom ausreichend vorhanden ist – so wie Bosch es auf der IFA mit smartStart demonstriert hat. 

    Wie sehen Sie die Rolle von Technologie und Daten im Energiemarkt? 

    Sie sind ein zentraler Baustein der Energiewende – durch intelligente Steuerung, präzise Prognosen und mehr Effizienz im Verbrauch. 

    Vielen Dank für das Gespräch! 

  • findIQ: Wissensmanagement neu gedacht – im Gespräch mit Sina 

    findIQ: Wissensmanagement neu gedacht – im Gespräch mit Sina 

    findIQ: Wissensmanagement neu gedacht – im Gespräch mit Sina 

    Industrieanlagen werden immer komplexer, während erfahrene Fachkräfte rar werden. Diese Wissenslücke kann im schlimmsten Fall ganze Produktionslinien lahmlegen. Hier setzt findIQ an: Das Start-up hat es sich zur Aufgabe gemacht, das wertvolle Wissen technischer Expertinnen und Experten digital verfügbar zu machen – jederzeit, weltweit und für jede Anlage. Wir haben mit Sina, Mitgründerin und CEO von findIQ, über die Gründungsidee, ihre Learnings und die Pläne für die internationale Expansion gesprochen. 

    Sina Volkmann, Mitgründerin und CEO von findIQ (Bild: findIQ)

    Wie ist die Idee zu findIQ entstanden – und was treibt euch an? 

    Sina: Wir lösen ein tatsächliches Problem: den Fachkräftemangel im technischen Bereich. Als wir gestartet sind, war das Problem ein wenig anders gelagert. Während der COVID-Pandemie konnten viele technische Expertinnen und Experten aus Deutschland nicht reisen, was weltweit zu rund 70 % mehr Stillstandskosten führte. Das hat deutlich gemacht, welche massiven Auswirkungen es hat, wenn erfahrene Mitarbeitende nicht vor Ort sein können, um Fehler zu finden und Probleme mit Maschinen zu lösen. 

    Diese Erkenntnis war unsere Gründungsmotivation. Wir wollten das Problem – zunächst in der Pandemiekrise – gezielt angehen und haben systematisch untersucht, wie eine nachhaltige Lösung aussehen könnte. Unser Ansatz war von Anfang an pragmatisch und bodenständig: Das Problem verstehen, die richtige Lösung finden und dabei langfristig denken. 

    Hat sich seitdem etwas verändert? 

    Sina: Heute stehen wir vor derselben Herausforderung: Zu wenig technische Fachkräfte für immer komplexer werdende Anlagen. Hinzu kommen Trends wie der demografische Wandel, der Fachkräftemangel und eine steigende Fluktuation in technischen Berufen. Unsere Lösung digitalisiert das Monopolwissen einzelner Expertinnen und Experten und macht es jederzeit und überall verfügbar. So können auch die nächsten Generationen Maschinen am Laufen halten, unabhängig davon, ob die Expertise vor Ort ist. 

    Ihr habt das Wissensmanagement im Maschinenservice neu gedacht. Was unterscheidet eure Lösung? 

    Sina: findIQ ist eine KI-basierte Wissensmanagementplattform für technische Anlagen, aber wir gehen das Thema grundlegend anders an. Ein entscheidender Punkt ist unsere Definition von Wissen: Für uns ist das nicht nur eine Sammlung von Daten und Dokumenten, sondern vor allem Erfahrung – also das, was oft in den Köpfen der erfahrenen Technikerinnen und Techniker steckt und nicht einfach in Handbüchern steht. 

    Viele KI-Modelle, wie etwa große Sprachmodelle, arbeiten rein datengetrieben. Sie können auf riesige Mengen expliziter Informationen zugreifen, aber ihnen fehlt oft das tiefe, implizite Wissen, welches in der Praxis über Jahrzehnte aufgebaut wurde. Dieses „Kopfwissen“ ist entscheidend, um Daten und Dokumente in den richtigen Kontext zu setzen – gerade, wenn es um komplexe Maschinen geht, die täglich im Betrieb sind. Wir haben von Anfang an Methoden entwickelt, um genau dieses Wissen zu digitalisieren und zu sichern. Das ist unser erster, zentraler USP. 

    Ein zweiter, wichtiger Unterschied liegt im eigentlichen Management des Wissens. Viele klassische Systeme sind einfache Ablagesysteme. Sie speichern einmal erfasste Informationen, bleiben dann aber starr und veralten schnell. Das reicht in der modernen Industrie nicht aus, wo sich Maschinen und Produktionsprozesse ständig verändern. Unser Ansatz ist dynamisch: Wir denken Wissen als Kreislauf, der sich kontinuierlich aktualisiert. Wir arbeiten auch nicht auf Basis von Sprachmodellen, sondern bilden die logischen Denkmuster von Expert:innen ab. 

    Wie macht ihr das möglich? 

    Sina: Wir  integrieren Feedback direkt in unser System – von den Maschinenbediener:innen, Technikern und Service-Teams. So bleiben die Daten nicht nur aktuell, sondern auch relevant für die tägliche Nutzung. Dabei arbeiten wir unabhängig von Maschinendaten, was uns eine enorme Flexibilität gibt. Wir können global und branchenübergreifend arbeiten, ohne aufwändige Integrationen oder spezialisierte Hardwareanpassungen. 

    Am Ende schaffen wir damit ein System, das nicht nur bestehendes Wissen speichert, sondern es lebendig hält – ein echter Wettbewerbsvorteil in einer Industrie, in der Erfahrung und Effizienz über Erfolg und Stillstand entscheiden. 

    Was waren eure wichtigsten Learnings in der Anfangsphase? 

    Sina: Ein zentrales Learning war, dass unser Bauchgefühl oft der beste Kompass ist – trotz aller Ratschläge von außen. Man startet mit einer klaren Motivation und sollte sich immer wieder darauf berufen, besonders wenn viele Stakeholder ins Spiel kommen. 

    Unsere Kunden waren immer die wichtigste Quelle für Feedback. Wir haben uns darauf konzentriert, von dem mehr zu machen, was funktioniert, und uns von dem zu trennen, was nicht klappt – auch wenn es unkonventionell war. 

    Ein weiteres Learning: Erfolg bedeutet nicht, jeden Schritt perfekt zu machen, sondern kontinuierlich Fortschritte zu erzielen. Manchmal reicht der nächste Schritt in die richtige Richtung, anstatt direkt 100 % zu erreichen. 

    Nach eurer jüngsten Finanzierungsrunde: Welche nächsten Schritte stehen jetzt auf der Agenda? 

    Sina: Internationalisierung ist für uns ein logischer Schritt. Unsere Kunden – insbesondere Maschinenbauer aus Deutschland – exportieren ihre Produkte weltweit. Dementsprechend müssen auch wir global denken. 

    Der nächste Zielmarkt sind die USA, wo Fachkräftemangel als „Skill shortage“ oder „Labor shortage“ institutionellen Umgang findet. Die demografische Entwicklung dort ist ähnlich wie in Deutschland, nur in größerem Maßstab. Mit unserer Finanzierungsrunde wollen wir diesen Markt systematisch erschließen – mit Partnern und eigenem Personal vor Ort. 

    Wir haben uns bewusst für die USA entschieden, weil dort die Nachfrage vorhanden ist und die kulturellen Unterschiede überschaubar sind. Wichtig war uns auch, schon erste bereits bestehende Kundenbeziehungen aufbauen zu können und durch frühe Umsätze eine Grundlage zu schaffen. 

    Was würdest du Gründerinnen und Gründern mitgeben, die gerade erst starten? 

    Sina: Sei dir bewusst: Gründen ist eine lebensfüllende Aufgabe! Man muss lernen, mit Widerständen umzugehen und sich von der Vorstellung lösen, dass alles einfach und glatt läuft. Kundenfeedback ist Gold wert, denn es zeigt, was tatsächlich funktioniert. Jeder Schritt in die richtige Richtung zählt. Es muss nicht alles perfekt sein. 

    Vielen Dank für deine Zeit und die Einblicke! 

  • Schule digital denken: Wie paddy Lehrkräfte entlasten will 

    Schule digital denken: Wie paddy Lehrkräfte entlasten will 

    Schule digital denken: Wie paddy Lehrkräfte entlasten will

    Die Gründer von paddy kennen die Herausforderungen des Schulalltags aus eigener Erfahrung. Aus der Perspektive ehemaliger Schüler und mit tiefem Einblick in die Belastungen von Lehrkräften haben Matty Frommann, Lukas Portmann und Tobias Schröder eine KI-Plattform entwickelt, die Lehrkräften Zeit spart und individuellere Förderung ermöglicht. Wir haben mit Matty und Felix Assion, Investment Manager beim HTGF, gesprochen – über die Anfänge von paddy, das Marktpotenzial von EdTech und eine Vision für die Schule der Zukunft. 

    Matty Frommann, CEO und Co-Founder von paddy, und Felix Assion, Investment Manager beim HTGF 

    Matty, wie seid ihr auf die Idee gekommen, paddy zu gründen? Gab es konkrete Momente in eurer Schulzeit, die euch gezeigt haben: „Hier läuft etwas falsch, das ändern wir“? 

    Matty Frommann: Wir haben tatsächlich schon als Schüler gestartet, eine Fortbildung für Lehrkräfte zu geben. Wir kommen aus Lehrerhaushalten, zumindest die allermeisten. Bei meinen Mitgründern sind es direkt die Eltern und bei mir im familiären Umfeld. Dadurch haben wir immer schon die Überforderung mit den digitalen Medien, aber auch Themen wie Arbeitsbelastung und Lehrkräftemangel mitbekommen, vor allem währen der Corona- Zeit. 

    Viele Lehrkräfte hassen das Thema Digitalisierung inzwischen regelrecht, weil sie sagen: Es ist ein Add-on, das hilft mir nicht weiter. Die vorhandene Software löst nicht das tatsächliche Problem – und das war quasi die Gründungsidee von paddy. Die Pandemie war ein Beschleuniger.  Genau da sind wir dann reingegangen. 

    Wie habt ihr euch kennengelernt? Was war dein erster Eindruck, Felix, als du Matty, Lukas und Tobias kennengelernt hast? 

    Felix Assion: Matty war schon länger im Kontakt mit dem HTGF.  Mein erstes Gespräch mit Matty war dann Anfang März und kurz danach gab es auch die erste gemeinsame Pitch-Runde. Mein erster Eindruck war vor allem, dass Matty enorm professionell ist, schon sehr viel Domain Expertise im EdTech-Bereich mitbringt und auch ein gesundes Selbstbewusstsein in dem ganzen Prozess gezeigt hat. Wenig später habe ich das Team dann in Bielefeld besucht und gemerkt, mit was für einer Energie die Jungs dabei sind und wie viel Struktur sie auch schon aufgebaut haben, vor allem bei Themen wie Vertrieb und Go-to-Market. Für mich war dieser Besuch ein Gamechanger Moment und mir war klar, dass ich diesen Deal auf jeden Fall ermöglichen und umsetzen will. Danach hat das gemeinsame Arbeiten noch einmal ein ganz anderes Tempo aufgenommen. 

    Matty, war es eine Herausforderung, Vertrauen aufzubauen – besonders als junge Gründer? Gab es Reaktionen von Lehrkräften nach dem Motto: „Was wollen die denn uns beibringen?“  

    Matty Frommann: Zunächst hatten wir eine gesunde Naivität, die uns ins Machen gebracht hat. Das war schön für den Start und auch danach haben wir tatsächlich eher davon profitiert, dass wir so jung waren. Uns wurde immer geglaubt, dass wir den Schmerzpunkt als Schüler selbst erlebt haben, dass wir nicht weit weg sind und dass wir beide Zielgruppen – Lehrer und Schüler – immer mehr miteinander verbinden können. Das war eher der Door-Opener. 

    Wie siehst du das Marktpotenzial von paddy, Felix?  

    Felix Assion: Das ist kein einfaches Thema. EdTech oder Education, gerade wenn es eine B2G-Komponente hat, ist ein schwieriges Feld – insbesondere aus VC-Perspektive. Der große Hype der Coronajahre ist vorbei. Statistisch sieht man seit 2022 Year over Year einen starken Rückgang der Investments oder des Investmentvolumens in diesem Bereich. Wenn man sich aber den Bildungsmarkt mal anschaut, ist dieser ähnlich groß wie Insurance, Health oder auch Mobility. Historisch gesehen ist der Markt zudem ziemlich kapitaleffizient. Das Verhältnis zwischen Bewertung und dem benötigten Kapital ist im Education-Bereich sehr positiv. Ich glaube, dass paddy ein enorm gutes Timing hat. Lehrkräfte haben erste Erfahrungen mit KI-Tools gesammelt und merken: Die perfekte dedizierte Lösung für uns gibt es noch nicht. Gleichzeitig steigt der Druck bei dieser Berufsgruppe enorm, wie aktuelle Studien – etwa von der Bitkom1 – zeigen. Matty kennt sich da besser aus, aber wir haben erst seit den Corona-Jahren die Situation, dass auch die Hardwareausstattung quasi optimal für solche Business Cases ist. Das heißt, eigentlich kommt gerade alles perfekt zusammen. Ich persönlich blicke daher sehr bullish auf die nächsten Jahre mit paddy. 

    Matty Frommann: Historisch betrachtet haben zwei Arten von EdTech-Cases immer gut funktioniert: Entweder man geht sehr nischig rein – zum Beispiel mit einer Weiterbildungsplattform für Zahnärzte – oder man deckt eine große Bandbreite ab, etwa mit einem Cloud-System für Schulen, von dem alle profitieren können. 

    Ich glaube, dass wir jetzt mit paddy und generell durch das Thema KI die Chance haben, beides zu verbinden und damit einen riesigen Markt zu erschließen. Jede Lehrkraft unterstützt jeden Schüler individuell so gut sie kann und ermöglicht es gleichzeitig, die breite Masse zu erreichen. 

    Wie sieht eure Vision für Schule in 10 Jahren aus – und welche Rolle spielt paddy darin?  

    Matty Frommann:  Digitalisierung und digitale Tools – die beim Unterrichten unterstützen – werden absoluter Standard sein. Wir schaffen es endlich, alle Bereiche – die Unterrichtsvorbereitung, die Durchführung und die Nachbereitung, mit Daten unterlegt – zu verbinden und jedem Schüler ein individuelles Lernerlebnis zu bieten. Genau da will sich paddy positionieren. 

    Ich glaube auch, dass wir in 10 Jahren vor einer Situation stehen werden, in der wir durch Technologie gute Antworten auf den absehbaren Lehrkräftemangel haben und wir jedem Schüler und jeder Schülerin ein individuelles Lernerlebnis ermöglichen können. 

    Matty Frommann (rechts) mit seinen Mitgründern Lukas Portmann (mitte) und Tobias Schröder.

    Welchen Rat würdet ihr jungen Gründer:innen geben? Gibt es vielleicht gerade im EdTech-Bereich Hürden?  

    Felix Assion: Im EdTech-Bereich, noch viel mehr als in anderen Branchen, reicht es nicht, ein starkes, innovatives Produkt zu haben. Man merkt früh – auch im Fundraising – dass das Thema sich in Richtung Vertrieb, Sales und Go-to-Market bewegt und dass sehr früh erwartet wird, dass schon Erfahrungen gesammelt wurden und eine klare Strategie vorhanden ist. Deshalb rate ich Teams, sich mehr Zeit zu nehmen als in anderen Branchen, wo oft ein MVP und ein Pitchdeck genügen. 

    Wenn es über paddy heißt, dass sie „in sechs Monaten 1 Mio. geraised“ haben, dann ist das nur die halbe Wahrheit – davor liegt meist eine lange Phase, in der Businessmodell und Dynamiken entwickelt sowie Schulen und Lehrkräfte verstanden werden mussten. 

    Wenn man als Team dann an dem Punkt ist und wirklich bereit für eine Finanzierungsrunde, sollte man sich auch noch Zeit nehmen, um zu prüfen, welche Investoren wirklich passen und genau hinschauen: Welche Mehrwerte können uns neben Kapital wirklich weiterhelfen? So viele sind das gar nicht und ich glaube, dass das Team dies am Ende sehr gut gelöst hat. 

    All das war Teil der Reise. Daher wäre mein Hauptratschlag: sich Zeit nehmen, Strukturen aufbauen – und das betrifft nicht nur das Produkt selbst. 

    Matty Frommann: Mein Rat: Alles auf Vertrieb setzen, möglichst schnell viele Testpiloten starten und – ganz wichtig im EdTech-Bereich – bezahlende Kunden gewinnen. Das sollte das Kernziel sein. Marketing wird spannend, wenn man auf eine kritische Masse an Kunden skaliert und verschiedene Kanäle aufbaut. Aber das Allerwichtigste sind die ersten 50 Kunden. Auch wir haben mit den ersten 50 paddy-Kunden angefangen – und das ist nicht in zwei Monaten passiert. Es hat Jahre gedauert, die richtigen Ansprechpartner zu gewinnen, in den relevanten Gremien vertreten zu sein, auf den passenden Netzwerkevents präsent zu sein und den Markt zu verstehen.  

    Vielen Dank für eure Zeit und die Insights!


    1. Bereits jede zweite Lehrkraft hat KI für die Schule genutzt | Bitkom Research ↩︎
  • Francesco Sciortino von Proxima Fusion im Interview 

    Francesco Sciortino von Proxima Fusion im Interview 

    Auf dem Weg zur kommerziellen Kernfusion: Francesco Sciortino von Proxima Fusion im Interview 

     
    Das HTGF-Portfoliounternehmen Proxima Fusion hat kürzlich in einer Serie-A-Finanzierungsrunde 130 Millionen Euro eingesammelt, um die kommerzielle Nutzung von Fusionsenergie voranzutreiben.

    Wir haben uns mit CEO und Mitgründer Francesco Sciortino zusammengesetzt. Im Interview erklärt er, was dieser Meilenstein für das Team bedeutet, welches Potenzial im Stellaris-Reaktor steckt, wie der Weg aus der Forschung zum Startup verlief und welchen Impact ihr „Alpha“-Demonstrator haben könnte. Außerdem teilt er Tipps für Deep-Tech-Gründer:innen, die sich großen Herausforderungen stellen. 

    Glückwunsch zur erfolgreichen Finanzierungsrunde! Was bedeutet dieser Meilenstein für das Team und welche Auswirkungen wird es auf eure zukünftigen Ziele haben? 

    Das bedeutet, dass sowohl unser Ansatz als auch das Team, das wir aufgebaut haben, nun validiert sind. Die enge Zusammenarbeit mit der Max-Planck-Gesellschaft in Deutschland und unser simulationsgetriebener Engineering-Ansatz haben sich als erfolgreich erwiesen. 

    Wir sind schneller vorangekommen als erwartet und haben das Stellaris-Design sowie unsere Magnettechnologie im Labor fertiggestellt. Jetzt haben wir die Finanzierung gesichert, um unsere Hardware-Meilensteine mit voller Kraft voranzutreiben. Damit sind wir heute das größte Stellarator-basierte Fusionsunternehmen weltweit. Wir haben mehr Kapital eingesammelt als alle unsere Stellarator-Konkurrenten zusammen. Jetzt liegt es an uns – wir müssen liefern. 

    Welche technologischen Grundlagen stecken hinter eurem A​​nsatz für Stellaris? 

    Wir arbeiten im Bereich der magnetischen Einschlussfusion. Dazu zählen sowohl Tokamaks als auch Stellaratoren und weitere Unterkategorien. Ich selbst komme ursprünglich aus der Tokamak-Forschung, dem konventionelleren Ansatz in diesem Bereich. Tokamaks sind ringförmige Magnetsysteme, in denen extrem heißes, ionisiertes Plasma durch verdrehte Magnetfelder eingeschlossen wird. 

    Stellaratoren funktionieren auf ähnliche Weise. Man könnte sogar sagen, ein Tokamak ist eine Sonderform des Stellarators. Lange Zeit galten Stellaratoren allerdings als technisch zu komplex, um sie zuverlässig zu entwickeln. Doch 2022 erreichte der Stellarator Wendelstein 7-X der Max-Planck-Gesellschaft in Deutschland seine zentralen Konstruktionsziele. Damit war klar: Stellaratoren sind baubar und sie lassen sich so weiterentwickeln, dass sie nicht nur für die Forschung, sondern auch für den Kraftwerkseinsatz geeignet sind. 

    Anfang 2023 wurde Proxima Fusion aus dem Max-Planck-Institut ausgegründet, mit dem Ziel, Stellaratoren zur kommerziellen Reife zu bringen. Inzwischen zieht dieser Ansatz weltweit zunehmend Aufmerksamkeit auf sich. Aktuell gibt es acht Unternehmen, die an Stellarator-Technologien arbeiten. 

    Worin liegt der Unterschied zwischen Proxima Fusion und anderen Akteuren, die im Bereich Fusion arbeiten? Und was ist euer langfristiges Ziel? 

    Im Vergleich zum größten Tokamak-Unternehmen der Welt, Commonwealth Fusion Systems (CFS), sind alle Stellarator-Startups noch relativ klein. CFS hat bereits mehr als zwei Milliarden Dollar eingesammelt und arbeitet sehr erfolgreich daran, einen Tokamak zu bauen, der dieselbe Art supraleitender Magnettechnologie nutzt wie Proxima Fusion. Wir stimmen in vielen Punkten überein, wenn es um die Gemeinsamkeiten von Tokamaks und Stellaratoren geht. Die physikalischen Grundlagen sind dieselben, doch der entscheidende Unterschied ist, dass gut konstruierte Stellaratoren im Dauerbetrieb arbeiten und vollkommen stabil sind.

    Das ist der „Moonshot im Moonshot“, den wir mit Proxima verfolgen. Unser Ziel ist nicht, etwas zu entwickeln, das nur kurzzeitig Energie erzeugt und dabei einen spektakulären Lichtblitz durch Fusion produziert. Vielmehr wollen wir ein echtes Kraftwerk bauen.

    Aktuell gibt es rund 60 Unternehmen, die an Fusionsreaktoren arbeiten, davon haben etwa zehn Startups jeweils 100 Millionen Euro oder mehr eingesammelt. Wir befinden uns mitten in einem Wettlauf um den Bau des ersten Nettoenergie-Reaktors und damit auf dem Weg zum weltweit ersten Fusionskraftwerk. Wir werden sehen, wer am Ende die Nase vorn hat! 

    Francesco Sciortino, CEO und Mitgründer von Proxima Fusion (Bild: Proxima Fusion) 

    Wie hat sich der Weg von der Forschung zum eigenen Startup gestaltet? Und welche Erfahrungen waren dabei besonders wichtig? 

    Wir haben als Physiker begonnen, die Tokamaks und Stellaratoren erforschten. Unser Mitgründer Martin Kubie hat einen Hintergrund im Maschinenbau und war bei Google X tätig. Als Spin-out des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik mussten wir unsere Arbeitsweise anpassen: Wir haben einen stärker ingenieursorientierten Ansatz entwickelt und legen ​​nun einen großen Fokus auf Simulationen, um schnellere Iterationen zu ermöglichen. 

    Die Geschwindigkeit der Iteration ist entscheidend. Einen gesamten Stellarator kann man nicht iterativ bauen, er ist zu groß. Deshalb ist eine iterative Entwicklung in Originalgröße bei der Hardware-Integration nicht möglich, wohl aber die Integration auf Systemebene in der Software. Dafür muss man jedoch mit einem Fusionskonzept arbeiten, das experimentell validiert ist. Wenn man seinen Modellen nicht vertraut, kann man zwar beliebig schnell iterieren, doch die Ergebnisse bleiben kontinuierlich falsch. 

    Für uns war entscheidend zu erkennen, dass Stellaratoren heute über eine deutlich ausgereiftere physikalische Grundlage verfügen als noch vor wenigen Jahren. 

    Als Spin-off der Max-Planck-Gesellschaft glauben wir seit unserer Gründung fest an öffentlich-private Partnerschaften und die Wichtigkeit​​ von guter Zusammenarbeit. Das ist nicht immer einfach. Wir sind zwei sehr unterschiedliche Organisationen, aber entscheidend war immer die gemeinsame, missionsgetriebene Denkweise und das Finden eines gemeinsamen Wegs, damit dieses Projekt starten konnte. Und ich denke, eine Fähigkeit, die wir Europäer noch weiter verbessern müssen, ist, die theoretische Forschung zunehmend in praktische Ingenieursarbeit und operative Umsetzung zu überführen. 

    Wir haben gelernt, dass die Personalsuche zwar extrem schwierig, aber auch das Allerwichtigste ist: Die richtigen Leute zu finden, ist alles. Die Qualität des Gründerteams ist ein wichtiger Indikator für das, was noch kommt. Aber wirklich entscheidend ist, ob man bessere Leute einstellen kann als sich selbst.  Und das, so glaube ich, haben wir ganz gut geschafft. Vielleicht war das in den ganz frühen Tagen noch nicht so klar, aber irgendwie haben wir sehr schnell an Fahrt aufgenommen. 

     
    Das Demonstrationssystem „Alpha“ soll 2031 in Betrieb genommen werden und dann mehr Energie produzieren, als es verbraucht. Warum ist dies ein so wichtiger Schritt in Richtung kommerzielle Fusionsenergie? 

    Das Demonstrationssystem, das wir „Alpha“ nennen, ist ein energieerzeugendes Gerät. Der Prozess der Sterne auf der Erde. Alpha ist noch kein Kraftwerk, sondern eine Demonstrationsanlage, aber es ist so ausgelegt, dass es das letzte Gerät ist, das wir jemals bauen müssen, bevor wir ein Kraftwerk errichten. 

    Wir sind überzeugt, dass Alpha die richtige Art von Gerät für ein Fusionskraftwerk ist, das kontinuierlich arbeitet und vollkommen stabil ist. Das ist das Besondere an Proxima: Wenn wir Alpha fertigstellen, könnte Proxima eines der wertvollsten Unternehmen der Welt werden. Das hängt jedoch vom Marktwert ab, der im Allgemeinen mit dem Bedarf an sauberer, sicherer und reichlich vorhandener Energie zusammenhängt. 

    Der Grund, warum wir seit fast 70 Jahren die Fusion verfolgen, ist einfach: Es gibt grundsätzlich nichts Vergleichbares. Wir sprechen davon, schwere Formen von Wasserstoff auf nuklearer Ebene zu verbrennen, also leichte Kerne, schwere Formen von Wasserstoff zu verbinden – nicht Uran, Plutonium und Ähnliches. Diese befinden sich an entgegengesetzten Enden des Periodensystems. Wir hingegen bewegen uns im einfachsten Teil des Periodensystems. Der größte Teil des Universums besteht aus Wasserstoff. Der Brennstoff ist nahezu unendlich. 

    Team von Proxima Fusion (Bild: Proxima Fusion)

     
    Wie könnte Fusionsenergie unseren Planeten, unsere Gesellschaft und unser Verständnis von Energie verändern? 

    Eine Flasche dieses schweren Wasserstoffbrennstoffs könnte die Stadt München eine Woche lang mit Strom versorgen. Nur ein einziger Löffel dieses Brennstoffs entspricht dabei der Energie von 13 Tonnen Kohle. Das ist sicher und keine bloße Theorie. Im Labor können wir das bereits im kleinen Maßstab umsetzen. Wir wissen, dass die Sonne genau auf diese Weise „brennt“. So wird das gesamte Universum angetrieben. Die entscheidende Frage lautet: Können wir das kostengünstig genug realisieren? Und können wir diese Kraftwerke schnell genug bauen? Das wird über unsere Zukunft entscheiden. Es geht nicht mehr um den physikalischen Nachweis des Prinzips, sondern um den technischen und wirtschaftlichen. 

    Deutschland steht vor einer Energiekrise und Europa vor einer Krise der technologischen Souveränität. Es gab noch nie einen besseren Zeitpunkt, um über die massive Skalierung von Fusionssystemen nachzudenken, ähnlich wie Frankreich in den 1970er Jahren sein Energiesystem um die Kernspaltung herum skaliert hat. Wenn Fusion einen erheblichen Anteil an der weltweiten Energieversorgung übernehmen und wir gleichzeitig schnell handeln wollen, um das Klima in den kommenden Jahrzehnten zu schützen, müssen wir jetzt Wege finden, wie wir zügig 1.000 Kraftwerke bauen können. Das bedeutet, dass wir ein skalierbares System entwickeln müssen. 

    Was würdest du anderen Deep-Tech-Gründer:innen raten, die vor großen technologischen Herausforderungen stehen? 

    Kein Platz für Egos, man braucht eine Mission-first-Mentalität. Man muss sich absolut bewusst sein, warum man so viel seines Lebens in etwas investiert. Wir könnten alle etwas tun, das besser bezahlt wird oder mehr Freizeit ermöglicht. Wir sind hier aus Überzeugung, und die Mission ist es wert, einen großen Teil des eigenen Lebens zu investieren. Das muss für die Gründer:innen von Anfang an klar sein. 

    Vielen Dank für die spannenden Einblicke! 

  • Deep-Tech-Matrix

    Deep-Tech-Matrix

    HTGF Deep-Tech-Matrix: Orientierung im Wachstumsprozess technologiegetriebener Startups

    Deep-Tech-Unternehmen entwickeln Technologien, die ganze Branchen verändern können. Das macht sie attraktiv – vor allem für Investoren. Doch viele Startups tun sich schwer, ihr Potenzial verständlich zu vermitteln.

    Häufig fehlt eine klare, konsistente Kommunikation. Die HTGF-Experten Dr. Gernot Berger, Dr. Olaf Joeressen und Yann Fiebig haben sich dieser Herausforderung gewidmet. In einem umfassenden Paper zeigen sie, worauf es bei Deep-Tech-Startups wirklich ankommt – und stellen mit der HTGF Deep-Tech-Matrix ein praxisnahes Werkzeug vor. 

    Deep Tech steht für technologische Innovationen mit wissenschaftlicher Tiefe. Ob KI, Robotik, neue Materialien oder Biotechnologie: Deep-Tech-Unternehmen arbeiten nicht an kurzfristigen Convenience-Lösungen, sondern an Antworten auf grundlegende gesellschaftliche und industrielle Herausforderungen. Der aktuelle Boom in der Deep-Tech nährt bei vielen die Hoffnung, Innovationskraft langfristig zu sichern. Vor allem Investoren sehen darin die Chance, durch tiefgreifende Transformation attraktive Renditen zu erzielen. 

    Der Deep-Tech-Disconnect: Warum viele Technologien überzeugen – aber Investoren trotzdem zögern 

    Trotz aller Ambitionen erleben viele Deep-Tech-Gründer in der Praxis eine harte Realität: Ihre technologischen Durchbrüche stoßen bei Investoren auf Zurückhaltung. Nicht wegen mangelnder Qualität – sondern wegen eines fehlenden gemeinsamen Verständnisses. Dieses Spannungsfeld wird als Deep-Tech-Disconnect bezeichnet. Es beschreibt die strukturelle Lücke zwischen dem Entwicklungsmodell technologiegetriebener Startups und den Erwartungen klassischer Venture-Capital-Investoren. Denn viele Investmentmodelle orientieren sich bis heute stark an der Dynamik von Software-Startups: schnelle Minimal Viable Products (MVPs), frühes Nutzerfeedback, geringe Kapitalbindung. Deep-Tech-Unternehmen funktionieren anders. Sie brauchen lange Entwicklungszeiten, hohe Investitionen – und erreichen Marktreife meist deutlich später. 

    Daher braucht es im Deep-Tech-Bereich eine Equity Story, die über klassische Pitch-Kriterien hinausgeht. Sie muss ein großes, bislang ungelöstes Kundenproblem klar benennen – und zeigen, warum gerade dieser wissenschaftlich-technologische Ansatz der richtige Weg zur Lösung ist. Ebenso entscheidend: Warum genau dieses Team in der Lage ist, daraus ein marktfähiges Produkt zu entwickeln. Der technologische Vorsprung muss greifbar sein – durch Schutzrechte, wissenschaftliche Substanz und die Kombination aus Forschungsexzellenz und Umsetzungskompetenz. Und nicht zuletzt braucht es eine realistische Roadmap: mit klaren Meilensteinen, passenden Finanzierungsphasen und einem belastbaren Plan, wie die Technologie vom Labor in den Markt findet. 

    Die Deep-Tech-Matrix: Orientierung im komplexen Wachstumspfad 

    Wie lässt sich der Fortschritt eines Deep-Tech-Startups jenseits von Umsatz und MVP fundiert beschreiben? Die HTGF Deep-Tech-Matrix bietet ein praxistaugliches Werkzeug, um den Weg von der wissenschaftlichen Idee zum skalierbaren Unternehmen zu planen, zu strukturieren und zu kommunizieren. Sie hilft Gründerteams, ihre Equity Story klar aufzubauen – und schafft eine gemeinsame Sprache mit Investoren. 

    Die Matrix basiert auf zwei zentralen Dimensionen: dem technologischen Reifegrad (TRL) und der Sicherheit über das Vorhandensein eines großen Marktes. Der technologische Reifegrad orientiert sich an international anerkannten TRL-Skalen – von der Grundlagenforschung (TRL 1–2) über den Proof-of-Concept (TRL 3–4) bis hin zur marktreifen Lösung (TRL 8–9). Erfolgreiche Deep-Tech-Startups wissen genau, welche Schritte notwendig sind, wann welche Meilensteine erreicht werden – und was sie bereits potenziellen Kunden zeigen können. 

    Die zweite Dimension – der Markt – wird häufig unterschätzt. Doch gerade für spätere Finanzierungsrunden ist entscheidend, ob der adressierte Markt bereits bewiesen ist, welches Wachstumspotenzial besteht und ob ein klarer Anwendungspull vorliegt. Die Matrix bewertet daher auch, wie gut das Kundenproblem verstanden ist und wie realistisch die Chancen auf Marktdurchdringung sind. 

    Jede Zelle der Matrix steht für eine Kombination aus technologischem Reifegrad und Marktreife. Der ideale Entwicklungspfad eines Startups führt schrittweise nach oben rechts: zu einer skalierbaren Technologie in einem großen, validierten Markt. Dabei lassen sich typische Phasen abbilden – von der frühen Konzeptidee ohne klaren Marktbezug („No Money Land“) über Pre-Seed und Seed bis hin zur Series A und B, in denen Skalierung und wiederkehrende Umsätze im Fokus stehen. 

    Die Matrix in der Praxis 

    Ein Beispiel aus der Praxis zeigt, wie die Matrix angewendet werden kann: Ein Startup aus dem Bereich technischer Simulation entwickelte früh einen cloudbasierten Prototyp, der eine bislang vernachlässigte Zielgruppe adressierte – Ingenieur:innen ohne Zugang zu klassischen, teuren CAD-Tools. Die technologische Machbarkeit war vielversprechend, das Marktpotenzial anfangs noch unklar. Der Einstiegspunkt lag also in einem mittleren Reifegrad und einem wenig erschlossenen Marktsegment. Der Fortschritt gelang durch eine klar definierte Go-to-Market-Strategie, systematisches Produktmanagement und wachsende Kundenresonanz. Eine überzeugende Equity Story – mit einem starken Problemfokus, einem belastbaren Fahrplan und einer klaren Verbindung zwischen Technologie, Markt und Team – spielte dabei eine zentrale Rolle. 

    Fazit: Ein gemeinsames Verständnis schaffen – von Anfang an 

    Die HTGF Deep-Tech-Matrix ist mehr als ein Analysewerkzeug – sie ist ein strategischer Kompass. Sie unterstützt Gründer:innen dabei, ihre Equity Story strukturiert zu entwickeln, zentrale Meilensteine zu definieren und den eigenen Fortschritt nachvollziehbar zu kommunizieren. Gleichzeitig schafft sie ein gemeinsames Verständnis zwischen Startups und Investor:innen – mit klarer Sprache, realistischen Erwartungen und einem fundierten Plan. 

    Für Investor:innen bietet die Matrix Orientierung: Sie macht deutlich, welcher technologische Reifegrad und welche Marktentwicklung in den jeweiligen Finanzierungsphasen sinnvoll und realistisch sind. So wird aus Unsicherheit eine fundierte Entscheidungsgrundlage. Kurz gesagt: Die Deep-Tech-Matrix bringt Struktur in komplexe Entwicklungen – und schafft bessere Voraussetzungen für erfolgreiche Finanzierungen und nachhaltiges Wachstum. Denn auch das nächste Deep-Tech-Unicorn beginnt mit einer klaren Geschichte. 

    Discover the Framework Behind Successful Deep Tech Growth

    Whether you’re a founder, investor, or ecosystem stakeholder, the HTGF Deep-Tech-Matrix offers a clear, strategic model for planning and evaluating deep tech equity stories. Learn how to align technological maturity with market potential, identify critical value inflection points, and foster a shared understanding between startups and investors.

  • In bewegten Zeiten richtig agieren – Tipps aus der Praxis 

    In bewegten Zeiten richtig agieren – Tipps aus der Praxis 

    In bewegten Zeiten richtig agieren – Tipps aus der Praxis 

    Trotz erster Anzeichen einer Erholung, sind die Zeiten in denen Startups agieren, immer noch herausfordernd.

    Wir haben mit Expert:innen des HTGF über zwei aktuelle große Herausforderungen gesprochen: Wie kommen Startups am besten an Kapital? Und wie agieren sie international in unsicheren Umfeldern.  

    Von links: Dr. Tanja Emmerling, Partnerin beim HTGF und Dr. Markus Kückelhaus, Partner beim HTGF (Bild: HTGF)

    „Startups müssen verstehen, was die andere Seite wirklich braucht“ – Dr. Markus Kückelhaus, Partner im Bereich Industrial Tech, zu Chancen, Finanzierung und Partnerschaften. 

    Welche aktuellen Chancen und Herausforderungen siehst du für Start-ups im Jahr 2025? 

    Dr. Markus Kückelhaus: Für 2025 sind wir grundsätzlich optimistisch. Zum einen steigt die Zahl der Gründungen wieder – das zeigen auch die aktuellen Zahlen aus dem startupdetector Report. Zum anderen verfügen deutsche VCs über viel Dry Powder: neun Milliarden Euro, die noch investiert werden müssen. Gleichzeitig gibt es im Late-Stage-Bereich einen Rückstau, was ein neues IPO-Fenster öffnen könnte. 

    Herausfordernd bleiben die makroökonomischen Rahmenbedingungen: Der anhaltende Zollstreit, Inflationssorgen und ein potenziell steigendes Zinsniveau – auch wenn dieses derzeit noch niedrig ist. 

    Welche Aspekte sind momentan bei der Finanzierung von Startups besonders relevant? 

    Dr. Markus Kückelhaus: Startups sollten die Dynamiken der einzelnen Finanzierungsphasen sehr genau verstehen. Schaut man auf die Zahl der Deals oder die Bewertungen, zeigt sich ein stabiles, teils sogar wachsendes Niveau. Trotzdem bleibt vor allem die Anschlussfinanzierung in späten Phasen herausfordernd. Agilität ist hier mehr denn je entscheidend. Gerade wenn man nicht in einem sehr aussichtsreichen Themenbereich wie bspw. AI unterwegs ist, ist die Investorenansprache sehr aufwendig – es braucht viele Gespräche.  

    Vor allem Deep-Tech-Startups – beziehungsweise generell Unternehmen, die über Jahre hinweg noch keine Umsätze erzielen – müssen sich frühzeitig Gedanken darüber machen, welche weiteren Finanzierungsmöglichkeiten sie nutzen können. Abseits von klassischem Venture Capital sind insbesondere öffentliche Fördermittel oder weitere non-dilutive Finanzierungsoptionen essenziell, um langfristig ausreichend Kapital zur Verfügung zu haben und die langen Entwicklungszyklen überhaupt realisieren zu können. 

    Was ist wichtig, wenn Startups mit Unternehmen kooperieren möchten? 

    Dr. Markus Kückelhaus: Kooperationen mit Unternehmen sind immer aus einer Marktperspektive heraus relevant. Es geht eben nicht nur darum Finanzmittel zu bekommen, sondern vor allem auch darum, sich am Markt zu behaupten. Wir raten Start-ups daher, frühzeitig auf einen stimmigen Product-Market Fit zu achten. Reine strategisch-finanzielle Kooperationen sind seltener geworden. Einige Corporate VCs haben ihre Aktivitäten sogar ganz eingestellt – das aktuelle Umfeld macht es für Start-ups schwieriger, die auf solche Konstellationen setzen. 

    Start-ups sollten immer klar differenzieren: Was braucht die andere Seite tatsächlich? Geht es um Technologien, die kurzfristig einsatzbereit sein sollen – was eher für klassische Kunden-Lieferanten-Beziehungen spricht. Oder sucht das Unternehmen eine langfristige Entwicklungspartnerschaft, wie es etwa bei vielen Pharmaunternehmen der Fall ist. Wer diese Unterschiede erkennt, kann sein Angebot gezielter ausrichten und effektiver kooperieren. 

    „Startups müssen geopolitisch widerstandsfähiger denken – ohne sich zu verschließen“ – Dr. Tanja Emmerling, Partnerin für Digital Tech, zur internationalen Strategie in Krisenzeiten. 

    Welche Startups sind aktuell besonders betroffen? 

    Dr. Tanja Emmerling: Geopolitische Unsicherheiten wie der Zollstreit mit den USA oder globale Lieferkettenrisiken betreffen längst nicht mehr nur klassische Exporteure. Auch Startups aus den Bereichen Deep Tech, GreenTech oder KI spüren zunehmend Druck – sei es durch regulatorische Hürden, strategische Abhängigkeiten oder volatilere Finanzierungsbedingungen. Hinzu kommt: Wer auf internationale B2B-Kundschaft oder komplexe Wertschöpfungsketten setzt, wird von indirekten Effekten schnell eingeholt. In dieser Lage gilt: Startups müssen ihren Cashflow besonders im Blick behalten. Liquidität ist der Spielraum, um auf Veränderung reagieren zu können – das ist in Krisenzeiten wichtiger als Wachstum um jeden Preis. 

    Was rätst du Gründer:innen, wenn der Zugang zum US-Markt schwieriger wird? 

    Dr. Tanja Emmerling: Der US-Markt bleibt attraktiv, aber man sollte sich auf eine neue Realität einstellen: höhere regulatorische Anforderungen, politische Volatilität und mögliche Investitionshürden. Startups sollten frühzeitig lokales Know-how aufbauen – idealerweise durch Partner, Advisors oder eigene Strukturen vor Ort. Eine kluge Internationalisierungsstrategie bedeutet heute, geopolitische Resilienz mitzudenken: Welche alternativen Märkte kann ich aufbauen, ohne alles auf eine Karte zu setzen? Welche Allianzen oder strategischen Partnerschaften helfen mir, flexibel zu bleiben? Und wie kann ich meine Wertschöpfung so strukturieren, dass ich auch bei Spannungen handlungsfähig bleibe? 

    Welche Strategien helfen für Europa? 

    Dr. Tanja Emmerling: Think EU – not just US: Gerade jetzt lohnt sich der Blick nach innen. Die EU ist mehr als Regulierung – sie bietet ein wachsendes Innovationsökosystem, verlässliche Förderinstrumente wie den European Innovation Council und IPCEI sowie Chancen zur nachhaltigen Positionierung. Wer europäische Lieferketten und Absatzmärkte frühzeitig mitdenkt, stärkt seine strategische Resilienz. Und: Europa verlangt eigene Lösungen. Produkte, die in Sprache, Datenschutz und Nutzerbedürfnissen auf die regionale Vielfalt eingehen, schaffen echten Mehrwert. In Krisenzeiten zählen Fokus, schnelle Reaktion, Agilität und enge Kundenbindung. Wer diese Prinzipien ernst nimmt, kann Europa zum echten Heimatmarkt ausbauen – nicht nur als Rückzugsraum, sondern als Startpunkt für neue Stärke. 

  • Welten verbinden: Wie Unternehmen und Startups gemeinsam Innovationen vorantreiben – Im Gespräch mit Jens Busse 

    Welten verbinden: Wie Unternehmen und Startups gemeinsam Innovationen vorantreiben – Im Gespräch mit Jens Busse 

    Welten verbinden: Wie Unternehmen und Startups gemeinsam Innovationen vorantreiben – Im Gespräch mit Jens Busse 

    Innovation braucht frische Ideen und den Mut zur Veränderung. Für etablierte Unternehmen bedeutet Vorsprung, neue Denkweisen und Agilität zu nutzen. Und genau das bringen Startups mit. Aber wie können große Organisationen und junge Unternehmen effektiv zusammenarbeiten? 

    Jens Busse, Investment Director bei Evonik Venture Capital, erklärt, wie Partnerschaften mit Startups gelingen, was beide Seiten davon haben und wie gemeinsame Herausforderungen gemeistert werden können. 

    Warum ist eine engere Zusammenarbeit zwischen etablierten Unternehmen und Start-ups aus Ihrer Sicht essenziell für nachhaltiges Wachstum? 

    Eine enge Zusammenarbeit zwischen etablierten Unternehmen und Start-ups fördert Synergien, die Innovation und Flexibilität steigern. Start-ups bringen frische Ideen und Technologien mit, während etablierte Unternehmen über Ressourcen und Marktkenntnisse verfügen. Diese Kombination ermöglicht schnellere Markteinführungen und bessere Anpassungen an Marktveränderungen. 

    Welche konkreten Vorteile ergeben sich für Unternehmen, die in Start-ups investieren oder mit ihnen kooperieren? 

    Unternehmen profitieren von Zugang zu Innovationen, Erweiterung des Produktportfolios, Marktanteilsgewinnen sowie einer verbesserten Innovationskultur. Zudem können sie Risiken minimieren, indem sie neue Technologien testen, ohne das volle Risiko eigener Entwicklungen zu tragen. 

    Welche Herausforderungen gibt es bei der Integration von Start-up-Innovationen in bestehende Unternehmensstrukturen, und wie lassen sich diese bewältigen? 

    Herausforderungen umfassen kulturelle Unterschiede, komplexe Prozesse und technologische Inkompatibilitäten. Diese lassen sich durch offene Kommunikation, agile Methoden und frühzeitige Entwicklung gemeinsamer technischer Infrastrukturen bewältigen. Klare Strategien zur Ressourcenallokation sind ebenfalls entscheidend. 

  • Rückblick Family Day 2025

    Rückblick Family Day 2025

    Rückblick auf den HTGF Family Day 2025: Ein Jubiläum der Innovation und Zusammenarbeit

    Der HTGF Family Day 2025 war ein voller Erfolg – zwei Tage voller inspirierender Vorträge, intensiver Diskussionen und wertvoller Networking-Möglichkeiten. Den Auftakt bildete die Networking Night am Montag: Nach der Eröffnung durch die Geschäftsführer:innen Romy Schnelle, Dr. Alex von Frankenberg und Dr. Achim Plum, hielt Carsten Maschmeyer eine mitreißende Keynote zum Thema Sales.

    Anschließend fanden moderierte Tischgespräche zu zukunftsweisenden Themen wie Künstliche Intelligenz, New Space und der „DNA von Unicorns“ statt. Darüber hinaus gab es zahlreiche direkte Gespräche zwischen Investor:innen, Start-ups und weiteren Akteuren des Startup-Ökosystems.

    Am Dienstag bot Gitta Connemann, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, einen wertvollen Einblick in die deutsche Startup-Politik. Der zweite Veranstaltungstag wartete mit einem prall gefüllten Programm auf: 40 Pitches, 12 Panels und zahlreiche Keynotes sorgten für viel Input und Austausch. Insgesamt wurden fast 5.000 direkte Gespräche zwischen den Teilnehmenden verabredet. Der krönende Abschluss: der Birthday Bash zum 20-jährigen Bestehen des HTGF.

    Ein herzliches Dankeschön an alle, die zum Erfolg des HTGF Family Days beigetragen haben – den Speaker:innen, Panelist:innen, Teilnehmer:innen und dem gesamten HTGF-Team. Der Family Day 2025 hat einmal mehr gezeigt, wie wichtig Innovation, Austausch und Zusammenarbeit für eine erfolgreiche Zukunft sind.

    Wir freuen uns schon jetzt aufs nächste Mal – am 11. und 12. Mai 2026 in Berlin!

    Fotos und Video: Dominik Tryba / Introduce Productions

  • Interview Florian Nöll, PwC

    Interview Florian Nöll, PwC

    Wachstum von innen – Wie etablierte Unternehmen von Start-ups profitieren

    Frischer Wind tut gut – nicht nur draußen. Er weckt auf, klärt den Kopf und macht Lust auf Neues. Was uns beflügelt, brauchen auch Unternehmen: Impulse, Veränderung, Aufbruch. Doch woher kommt dieser frische Wind? Oft sind es Startups, die etablierte Strukturen aufwirbeln.

    Wir haben mit Florian Nöll, Partner und Global Venturing & EMEA Startups, Scaleups Leader bei PwC Deutschland darüber gesprochen, wie Corporates und mittelständische Unternehmen die Zusammenarbeit mit jungen Unternehmen effektiv gestalten können – und warum sich das für beide Seiten lohnt.

    Florian Nöll, Partner und Global Venturing & EMEA Startups, Scaleups Leader bei PwC Deutschland (Foto: PwC)

    Warum ist eine engere Zusammenarbeit zwischen etablierten Unternehmen und Startups aus ihrer Sicht essenziell für nachhaltiges Wachstum?

    Startups sind oft agiler und innovationsfreudiger und können damit großen Corporates sowie mittelständischen Unternehmen damit neue Impulse bieten. Diese Synergie ermöglicht es etablierten Firmen, von frischen Ideen und Technologien zu profitieren und ihre eigene Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Startups ermöglicht die Zusammenarbeit dagegen Zugang zu Ressourcen und Netzwerken, die ihr Wachstum fördern. Eine echte Win-Win-Situation zur Stärkung unseres Wirtschaftsstandorts Deutschland sowie für das lokale Ökosystem. Kein Wunder also, dass laut aktueller Zahlen des Branchenverbandes Bitkom bereits 32 % der Unternehmen mindestens eine Kooperation mit Startups haben, von denen 98% berichten, dass ihre Erwartungen erfüllt oder sogar übertroffen wurden.

    Welche konkreten Vorteile ergeben sich für Unternehmen, die in Startups investieren oder mit ihnen kooperieren?

    Unternehmen, die den Schulterschluss mit Startups suchen, profitieren von neuartigen Lösungen und Technologien, die ihre Produktentwicklung beschleunigen können. Zudem erschließen sie durch diese Partnerschaften oder Investitionen neue Märkte. Eine aktuelle Bitkom-Umfrage zeigt, dass 11 % der Unternehmen gemeinsam mit Startups neue Produkte oder Dienstleistungen entwickeln, 3 % sind finanziell an Startups beteiligt und 2 % haben aus dem eigenen Unternehmen heraus selbst Startups gegründet. Durch die so gesteigerte Innovationskraft verbessern sie außerdem nicht nur die Kundenbindung, sondern stärken auch das Unternehmensimage als innovativer Akteur auf dem Markt.

    Welche Herausforderungen gibt es bei der Integration von Startup-Innovationen in bestehende Unternehmensstrukturen, und wie lassen sich diese bewältigen?

    Bei der Integration von Startup-Lösungen in etablierte Unternehmen stoßen Innovationsteams häufig auf strukturelle Barrieren – häufig in den Bereichen Legal und IT sowie bei der Abstimmung mit dem Betriebsrat. Wie man diesen Herausforderungen begegnet, ist natürlich von Unternehmen zu Unternehmen sehr unterschiedlich. Unsere Erfahrung zeigt jedoch, dass ein transparentes Kommunikationsumfeld und interdisziplinäre Teams, die flexibel arbeiten können, essenzielle Aspekte sind, um diesen zu begegnen. In über 80 % der letzten 100 von uns begleiteten Projekte ist das unseren Kunden gemeinsam mit uns gelungen, sodass nachhaltige Kooperationen entstanden sind.