HTGF 2025: Rückenwind für Europas Wirtschaftswunder 2.0 – Romy Schnelle, Dr. Achim Plum und Sebastian Borek im Gespräch
2025 war für den HTGF ein Jahr, das vieles gleichzeitig verlangt hat: Stabilität im Frühphasenmarkt sichern, Klarheit nach innen schaffen und den Startschuss für die nächsten 20 Jahre geben. In einem Umfeld geopolitischer Spannungen und verhaltener Kapitalmärkte haben wir Anschlussfinanzierungsvolumen in Milliardenhöhe mobilisiert und begonnen, den HTGF neu zu denken, vom klassischen Seed-Investor hin zu einer öffentlich-privaten VC-Plattform, die Gründerinnen und Gründer über alle Wachstumsphasen hinweg verlässlich mit Kapital, Netzwerk und Know-how unterstützt.
Im Gespräch blicken unsere HTGF-Geschäftsführer Romy Schnelle, Dr. Achim Plum und Sebastian Borek auf die Lehren aus 2025, sprechen über KI als Produktivitätshebel, Europas Chancen im globalen Technologiewettlauf und darüber, warum das nächste Wirtschaftswunder 2.0 nicht nur eine Vision ist, sondern durch mutige Investitionen und konsequente Skalierung Realität werden kann.

Was waren eure HTGF-Highlights 2025?
Romy Schnelle: Trotz eines herausfordernden Marktumfelds haben wir im Neugeschäft stark geliefert. Der HTGF IV hat in diesem Jahr 40 neue Investments abgeschlossen und wir sind mit insgesamt rund 120 Investments im HTGF IV voll auf Kurs. Besonders stolz bin ich auf die Substanz in unserem Portfolio. Das zeigt sich auch in zwölf starken Investments über unseren HTGF Opportunity Wachstumsfonds, von Sdui als digitalem Rückgrat für Schulen bis hin zu ADCs in der Krebstherapie, mit Tubulis als europäischem Benchmark in den Life Sciences. Sie zeigt, wofür wir stehen, von KI bis Kernfusion, von Robotik bis Raumfahrt. Das sind Schlüsseltechnologien, die morgen den Unterschied machen und direkt auf die High-Tech-Agenda einzahlen.
Achim Plum: Das Neugeschäft war anspruchsvoll, aber unsere Rolle war klar. Stabilität geben und Finanzierungen ermöglichen, gerade dann, wenn Märkte zögern. Besonders stolz bin ich auf die Anschlussrunden in unser Portfolio, die erneut auf Rekordniveau liegen. Aktuell sprechen wir über rund 1,2 Milliarden Euro, davon fast 90 Prozent privates Kapital. Das ist für mich mehr als eine Zahl. Es zeigt, dass wir privates Kapital in großem Stil mobilisieren und damit echte Wirkung im Ökosystem entfalten.
Sebastian Borek: Mein persönliches Highlight ist unser Riesenpotenzial. Als Neuer in der Geschäftsführung habe ich erlebt, wie erfahren und kompetent der HTGF und sein Team sind. Mit hoher Leistungsbereitschaft und einer ebenso breiten wie tiefen Expertise haben wir einen großen Schatz aus dem wir schöpfen können, um auch zukünftige Herausforderungen zu bewältigen und mit der richtigen Haltung das nächste Wirtschaftswunder 2.0 nicht nur zu diskutieren, sondern möglichzumachen.
2025 hat nicht nur den Markt, sondern auch den HTGF bewegt. Was hat sich intern neu sortiert und weiterentwickelt?
Achim Plum: 2025 war für uns ein Wendepunkt. Nach 20 Jahren haben wir den HTGF neu gedacht. Mit der komplettierten Geschäftsführung sind wir mit dem Anspruch gestartet, die nächsten 20 Jahre aktiv zu gestalten. Diese Aufbruchsstimmung ist in der Organisation spürbar. Unsere Value Proposition wird neu definiert, und das ist richtig so. Wir haben uns sehr bewusst gefragt, wer wir sind und wofür wir stehen. Daraus ist unser strategischer Anspruch gewachsen. Mit neuen Mandaten entwickeln wir den HTGF zu einer Venture-Capital-Plattform, die Innovation von der Idee bis zur Skalierung zusammenführt.
Romy Schnelle: Transformation ist für uns nicht nur eine Frage von Strukturen, sondern vor allem von Kultur und Haltung. Wir haben gezielt daran gearbeitet, Klarheit zu schaffen, in der Kommunikation, in den Entscheidungswegen und im Anspruch an uns selbst. Tempo und Verlässlichkeit schließen sich dabei nicht aus. Gerade in stürmischen Zeitenbrauchen Gründerinnen und Gründer sowie unsere Partner beides.
Sebastian Borek: Was mich besonders überzeugt hat, ist die Substanz des Fonds und seine Zukunftsfähigkeit. Es geht darum, das Geschäft in die nächste Phase zu überführen und sich immer wieder zu hinterfragen. Diese Bereitschaft, sich nicht auf Erfolgen auszuruhen, ist für mich eines der stärksten Signale aus 2025.
Geopolitische Spannungen und unsichere Märkte. Was bedeutet das für Startups, Industrie und Investoren?
Sebastian Borek: Wir erleben den Übergang in eine neue industrielle Epoche. Das erzeugt Unsicherheit, eröffnet aber enorme Chancen. Für uns als Investor bedeutet das, früh Technologien zu identifizieren, die nicht nur bestehende Prozesse verbessern, sondern ganze Branchen verändern können. KI ist dafür ein gutes Beispiel, weil sie quer über Industrien wirkt. Diese Technologien frühzeitig zu finden und zu unterstützen, ist Teil unserer Verantwortung als HTGF.
Achim Plum: Deutschland und Europa haben historisch häufig erst den gesellschaftlichen Konsens gesucht, bevor skaliert wurde. In einzelnen Technologiefeldern, etwa in der Gentechnik, wurden dadurch Chancen nicht immer rechtzeitig genutzt. Heute sind Innovationszyklen dafür zu schnell. Wir brauchen eine innovationsbegleitende Regulierung und einen pragmatischen Ansatz, der Chancen nutzt und Risiken managt, statt aus Vorsicht zu blockieren. Gerade in geopolitisch angespannten Zeiten wird technologische und wirtschaftliche Souveränität entscheidend.
Romy Schnelle: Für Unternehmen heißt das ganz konkret, Kompetenzen aufzubauen und aktiv Kooperationen einzugehen. Wer früh mit Startups, Forschungseinrichtungen und Industriepartnern zusammenarbeitet, lernt schneller und kann robuster skalieren. Datenkompetenz, KI-Integration und klare Prozesse sind dabei zentrale Voraussetzungen.
KI entwickelt sich rasant. Wie blickt ihr auf Chancen und Herausforderungen?
Sebastian Borek: KI ist vor allem eine Frage des Mindsets. Entscheidend ist, dass wir die Potenziale ernsthaft nutzen. Richtig eingesetzt kann KI unser Arbeiten produktiver und effizienter machen. Teams, die KI in Analyse, Produktentwicklung oder operativen Prozessen einsetzen, verkürzen Entwicklungszeiten deutlich und können sich stärker auf Wertschöpfung konzentrieren. Wir haben erlebt, wie ein Team mithilfe von KI eine Marktanalyse und Präsentation in einer Stunde statt in zwei Wochen erstellt hat. Für mich ist klar, dass wir KI aktiv mitgestalten müssen.
Achim Plum: KI adressiert zentrale Herausforderungen unserer Zeit, von demografischem Wandel über Produktivität bis hin zum Klimawandel. Sie wirkt als Katalysator, der bestehende Ansätze beschleunigt und skaliert. Viele Fortschritte in den Life Sciences oder der Medizintechnik wären ohne KI kaum denkbar. In diesem Sinne ist KI unsere Superpower.
Romy Schnelle: Für Gründerinnen und Gründer ist entscheidend, KI von Anfang an verantwortungsvoll einzusetzen. Datenqualität, Transparenz und klare ethische Leitplanken schaffen Vertrauen. Genau dieses Vertrauen ist die Voraussetzung für nachhaltige Skalierung und damit ein echter Wettbewerbsvorteil.
Neben KI: Welche Technologien oder Trends haben euch 2025 besonders beschäftigt?
Achim Plum: Wir sehen große Dynamik in den Life Sciences, von synthetischer Biologie bis hin zu neuen Therapieformen. Ein Beispiel ist Tubulis. Die größte Series-C-Life-Science-Runde Europas zeigt, wie sich durch kluge Ansätze das Risiko in der Wirkstoffentwicklung deutlich reduzieren lässt. Auch in der Medizintechnik passiert viel, etwa bei Neural Interfaces oder smarter Prothetik. Häufig ist KI der entscheidende Hebel, der diese Entwicklungen ermöglicht.
Romy Schnelle: Deep Tech erlebt eine Renaissance. Ob Fusionsenergie, Quantencomputing und -infrastruktur und New Space. Das Innovationspotenzial ist enorm. Oft scheitert es weniger an Technologie als an kritischer Finanzierung und am Mut, wirklich zu skalieren. Besonders wichtig sind funktionierende Übergänge von der Forschung über die Validierung bis zur Industriekooperation. Genau dort setzen wir an.
Sebastian Borek: Gerade im Space-Tech-Bereich sehen wir Unternehmen, die nicht nur Produkte entwickeln, sondern ganze Industrien aufbauen können. Das ist mehr als ein Markt. Es ist Infrastruktur für die Zukunft. Mit Co-Investments, Partnerschaften und einem klaren Plattformansatz lässt sich das europäisch skalieren.
HTGF und DTCF bündeln ihre Kräfte. Welche Chancen eröffnet diese Plattform?
Achim Plum: Unser Ziel ist es, eine durchgängige Venture-Capital-Plattform aufzubauen, die Technologien von der Idee bis zur Skalierung begleitet. Durch die enge Verzahnung von HTGF und DTCF schaffen wir eine öffentlich-private Struktur, die Schlüsseltechnologien effizient finanziert und ihnen die Chance gibt, in Europa zu bleiben und hier groß zu werden. Entscheidend ist überkritische Finanzierung, also Kapital, das Wachstum wirklich trägt. Dafür setzen wir auf flexible Modelle, die auch größere Runden ermöglichen und privates Kapital mobilisieren.
Sebastian Borek: Der DTCF hat sich schnell im Markt etabliert und gezeigt, wie wichtig starke Wachstumsfinanzierung ist. Starke Investments wie The Exploration Company oder Cylib geben Unternehmen in der frühen Wachstumsphase Zeit und Substanz für Entwicklung und Skalierung. Gleichzeitig sehen wir bei gemeinsamen Investments von HTGF und DTCF, etwa bei Proxima Fusion, node.energy oder FMC, wie gut Seed- und Growth-Perspektive zusammenwirken. Diese Verzahnung bauen wir jetzt systematisch aus.
Romy Schnelle: Die Integration des DTCF und die Weiterentwicklung zur Plattform geben Gründerinnen und Gründern den nötigen Rückenwind, um mutig und langfristig zu bauen. Gemeinsam mit starken privaten Partnern schaffen wir eine Finanzierungsarchitektur, die vom Start bis zur Skalierung trägt und so neue industrielle Substanz in Europa ermöglicht.
Zum Abschluss: Was braucht das Startup-Ökosystem jetzt, damit aus dem Rückenwind von 2025 ein echtes Wirtschaftswunder 2.0 wird?
Romy Schnelle: Es braucht vor allem konsequente Zusammenarbeit im Ökosystem. Wenn Forschung, Start-ups und Industrie enger zusammenarbeiten, entstehen belastbare Brücken von der Idee bis zur Skalierung. Genau dort wächst neue industrielle Substanz.
Gleichzeitig müssen wir Kontinuität in der frühen Phase sichern. Mit Blick nach vorn bereiten wir die fünfte Seed-Fondsgeneration vor, die Mitte 2027 nahtlos an den HTGF IV anschließen soll. Dafür starten wir mit der Vorbereitung des Fundraisings, um bestehenden wie neuen privaten Fondsinvestoren aus Mittelstand und Konzern einen beispiellosen Zugang zum HTGF-Ökosystem und echten Value Add zu bieten.
Sebastian Borek: Wir brauchen Zukunftsfreude und den Mut, Dinge entschlossen anzugehen und groß zu skalieren. Kapital, Talente und Technologie sind vorhanden. Jetzt kommt es darauf an für Gründerinnen und Gründer, ein Umfeld zu schaffen, das diesen Spirit trägt und verstärkt.
Achim Plum: Be bold. Think big. Wir müssen privates Kapital in ganz anderen Größenordnungen mobilisieren und Finanzierung so gestalten, dass Wachstum wirklich möglich wird. Dann kann aus dem aktuellen Rückenwind ein Wirtschaftswunder 2.0 entstehen.

























































