Kategorie: Story

  • Product-Market Fit im Industrial Tech – Der Weg zum Kundenverständnis

    Von Ingo Fehr (Investment Manager), Gregor Haidl (Investment Manager), Fabian Hogrebe (Analyst), Yann Fiebig (Senior Investment Manager), Dr. Andreas Olmes (Partner)


    Die Gründer von Industrial Tech Start-Ups meistern schwierige technologische Risiken: Problemursachen werden gefunden, große Probleme werden in kleine Elemente zerlegt und detaillierte Analysen gefahren. Mit dieser Arbeitsweise werden in der Mehrzahl der Start-Ups schwierigste technologische Probleme bei der Produktentwicklung gelöst oder umgangen: Weniger als 10% der Start-Ups scheitern an der Technologie.

    Überraschenderweise tun sich dieselben Gründer im Umgang mit Kunden und Kundenproblemen schwer: Bei 74% der gescheiterten Industrial Tech Start-Ups im Portfolio des HTGF war der fehlende Product-Market Fit der zentrale Grund für den Misserfolg. International gesehen kommen Analysten zu ähnlichen Ergebnissen. Die technologischen Risiken sind also nicht die Tödlichsten! (s. unseren ersten Beitrag zum Thema)

    Es handelt sich um ein grundsätzliches Problem, dem wir in unserer täglichen Arbeit mit Start-Ups immer wieder begegnen. Deshalb möchten wir in diesem Artikel explorativ einige Ideen und Erklärungsansätze entwickeln und Euch zum Nachdenken anregen. Wir hoffen, dem einen oder anderen Gründer zu helfen, bestimmte Stolpersteine zu vermeiden.

    Was wir beobachten

    Viele Gründer kommen direkt aus der Wissenschaft

    Industrial Tech und Deep Tech Start-Ups basieren auf herausragenden wissenschaftlichen und technologischen Leistungen, die meist an Universitäten erbracht werden. In der akademischen Denkweise zählt das Verständnis mehr als der wirtschaftliche Nutzen.

    Wir erinnern uns noch gut an unsere eigenen wissenschaftlichen Arbeiten: Wirklich wichtig war, dass Neues erstmalig beschrieben und dass das Wissen der Menschheit erweitert wird. Ob die erforschten Themen am Ende des Tages nützlich sind, wurde als Nebensache betrachtet.

    Oft starten die späteren Gründer in diesem Umfeld – mit der Entdeckung und Beschreibung von bisher unbekannten Effekten. Im nächsten Schritt überlegen sie in welcher Anwendung dieser Effekt von Nutzen sein könnte und ob daraus ein Businessplan entwickelt werden kann. Die große Gefahr besteht darin, sich bereits hier am Ziel zu wähnen.

    Einige von uns haben selbst gegründet und erinnern sich gut daran, wie ungewohnt und schwierig es war, auf potentielle Kunden zuzugehen. Dies ist jedoch unerlässlich, um die nächsten und wesentlichsten Schritte in der Produktentwicklung zu gehen: Den Product-Market Fit zu erzielen. Dazu gilt es, tief zu verstehen, was das wirkliche Kundenproblem ist. Wie schmerzhaft ist Dieses? Welche konkurrierenden Lösungsoptionen bieten sich dem Kunden – extern und intern? Man ist geneigt, kritische Rückmeldungen der potentiellen Kunden abzutun – „die haben es eben nicht verstanden“. Der Verkauf eines Proof-of-Concepts wird vorschnell als Validierung des Geschäftsmodells gesehen. Später stellt sich dann die schmerzvolle Erkenntnis ein: Ein kleines Proof-of-Concept zu verkaufen bedeutet nicht den Product-Market Fit gefunden zu haben und ist um Größenordnungen weniger schwierig als ein neues Produkt in die Serie oder den breiten produktiven Einsatz zu bekommen.

    Product-Market Fit ist nicht banal

    Wir beobachten regelmäßig, dass die Serieneinführung nicht an technischen, sondern auf den ersten Blick an banalen Hürden scheitert: Im Unternehmen müsste ein Prozess geändert werden oder der Betriebsrat sieht die Einführung kritisch. Oder der Kunde erkennt zwar den Mehrwert, wertet diesen aber als gering. Damit lohnen sich die Mühen und Risiken der Einführung nicht und das Produkt wird nicht angenommen. Auf den zweiten Blick sind diese nicht-technischen Hürden überhaupt nicht banal, sondern komplex, und von außen schwierig durchschaubar. Das Gute ist, um diese Hürden zu überwinden, können die Gründer genau die Arbeitsweise aus Wissenschaft und Technologie anwenden, die sie so hervorragend beherrschen: Hypothesen formulieren, Experimente oder Befragungen durchführen und analytisch zu Erkenntnissen gelangen. Wir sehen das als besten Weg, um Product-Market Fit zu erreichen.

    Das Kundeninteresse ist schwierig zu deuten – besonders für Erstgründer

    Es ist am Anfang schwierig, das Interesse eines potentiellen Kunden kritisch zu hinterfragen und die eigene Euphorie zu bremsen: Warum benötigt der Kunde das Produkt? Welches Problem genau soll gelöst werden? Gibt es ggf. günstigere / besser passende Alternativen? Das ist umso schwerer, wenn es sich um einen großen Kunden handelt.

    Werden diese Fragen nicht früh angegangen, erkennt man erst spät, dass dieser Kunde (oder gar die ganze Kundengruppe) das Produkt nicht im breiten Umfang nutzen wird. Die geplanten Produktumsätze sind dann unerreichbar.
    Erschwerend kommt hinzu: Wenn sich das Start-Up hohe Umsatzziele gesteckt hat, bedarf es großer Überwindung, einem mit Auftrag drohenden Interessenten abzusagen, wenn der Kundennutzen unklar ist oder kein Skalierungspotential gegeben ist. Vor Erreichen des Product-Market Fit kann es kontraproduktiv sein, zu hohe Umsatzziele in das Budget zu schreiben.

    Technologie-Hypes trüben den Blick auf den Use-Case

    Wir leben in einer spannenden Zeit mit extremer Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung. Mannigfaltige Möglichkeiten und Chancen tun sich auf! Leider kann das zum Überschätzen der Anwendbarkeit führen. Bei aktuellen Hype-Themen wie Blockchain, künstlicher Intelligenz, Quantencomputing oder Drohnen kann man das gut beobachten. Egal welche Problemstellung diskutiert wird, hören wir „XY ist die Lösung!“. Nur weil wir keine Hürden und Probleme bei der Implementierung der als allmächtig empfundenen Technologien sehen wollen, sind sie nicht weg. Werden Kundenprobleme ausgeblendet, kann der Product-Market Fit nicht erreicht werden.

    Eine andere Beobachtung ist, zu frühes Festlegen auf einen Use Case, wenn der Kunde hauptsächlich neugierig auf die Technologie ist und kein reales Problem lösen will. Das bindet dann so viele Ressourcen, dass die Exploration weiterer, vielleicht besserer, Use Cases nicht oder zu langsam geschieht.

    Was sind die tieferen Ursachen für fehlenden Product-Market Fit Fokus?

    Einige Hypothesen möchten wir zur offenen Diskussion vorstellen. Sie basieren auf unseren eigenen Erfahrungen, vor allem auch denen vieler Gründer. Neben unseren Product-Market Fit Workshops, waren die Gespräche mit Gründern von erfolgreich verkauften Startups wertvoll.

    Arten von Anerkennung und Wertschätzung

    Im Studium erhält nur derjenige Anerkennung, der eine klar gestellte Aufgabe vollständig und richtig löst. Mit einer Teillösung, sei sie noch so gut, leidet die wissenschaftliche Reputation. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass es sich schlecht anfühlt, mit einem unfertigen Produkt oder gar einem Mock-Up auf mögliche Kunden zuzugehen.

    Ein konkretes Beispiel ist Ulrich Reiser, CEO von Mojin Robotics, der sich mit innovativen Robotern beschäftigt. Zuerst hatte das Team Anwendungen für Pilotkunden vollständig implementiert, um diese direkt mit einem funktionieren Produkt (wenn auch in einer Alpha Version) zu validieren. Der Aufwand für diese Vorgehensweise war sehr hoch. Sowohl Entwickler- als auch Managementressourcen waren oft für viele Wochen und teilweise Monate gebunden, nur um danach feststellen zu können: Es passt nicht, notwendige Hypothesen sind falsifiziert. Um flexibler testen zu können, auf welche Kunden und Probleme er sich fokussieren sollte, entschied er sich, Teile des Prozesses erst einmal im Hintergrund manuell von Menschen steuern zu lassen.

    „Es hat sich für mich als Perfektionisten zu Beginn nach Schummeln und Cheaten angefühlt. Aber es war extrem wichtig, dass ich zu diesem Zeitpunkt über meinen Schatten gesprungen bin. Ich bin davon überzeugt, dass die Entscheidung damals, unseren Business Prozess umzustellen, für Mojin in der damaligen Phase essentiell war“, betonte Ulrich Reiser im Gespräch mit uns.

    Mit dem neuen Ansatz konnte er viel schneller herausfinden, ob eine Anwendung funktionierte oder ob sie vom Kunden nicht angenommen wurde. Er hat erlebt, dass Erkenntnisgewinn durch schnelle Validierung von Hypothesen in der Seedphase hundertmal wichtiger ist als schnell Umsatz zu machen oder ein Produkt zu perfektionieren.

    Für Menschen mit einem ausgeprägten Leistungsmotiv (aus Motivationspsychologischer Sicht), fühlt es sich unangenehm und stümperhaft an, „zu tricksen“. Sie denken an Hochstapelei und das wollen sie sich unter keinen Umständen nachsagen lassen. So tendieren sie dazu, nur perfekte, funktionierende Produkte abliefern zu wollen. Fast alle erfolgreichen Gründer hatten einen Moment des „über den Schatten Springens“ und ziehen seitdem Anerkennung und Wertschätzung aus den häufigen Erkenntnissen: So kann es nicht gehen, hier ist ein kritisches Problem. Erst dann sind wir wirklich in der Lage, schnell zu iterieren.

    Starke Identifikation zum Start-Up

    Viele technologische Gründer sehen ihre Erfindung und Idee verständlicherweise als „ihr Baby“ und möchten die Geschicke ihres Unternehmens selbst lenken. Ein Geschäftsführer muss sich jedoch um alle Aspekte des Start-Ups kümmern. Die anfallenden Aufgaben im Bereich Business Development werden oft eher halbherzig und als notwendiges Übel miterledigt. Besser für das Start-Up wäre es, einzusehen was man wirklich kann und möchte und die fehlenden Kompetenzen ggfs. ins Team zu holen.

    Außerdem kann eine sehr starke Identifikation dazu führen, dass Kritik an Produkt oder Geschäftsmodell als persönlicher Angriff empfunden wird. Um Product-Market Fit zu erzielen sollte genau hingehört und reflektiert werden.

    Unterschätzen der Aufgabe den Product-Market Fit zu finden

    Es gibt kaum Elemente in einem technischen Studium, die auf Customer Development vorbereiten. Daher haben viele Industrial Tech Gründer, insbesondere Erstgründer, wenig Ahnung, wie tief sie den Kunden verstehen müssen, welche Fragen dem Kunden gestellt werden müssen, und wo sie sich im Vertriebsprozess wirklich befinden. Die Größe der Herausforderung wird gewaltig unterschätzt. Einen Investor an der Seite zu haben, der die wichtigen Fragen bezüglich Product-Market Fit immer wieder auf den Tisch bringt, ist in solchen Fällen überlebenswichtig.

    Dr. Kai Richter, der sein Unternehmen Symtavision erfolgreich verkauft hat, sagte uns:

    „Wir haben uns in der Anfangsphase sehr auf das technische Produkt konzentriert, anstatt auf unsere Kunden. Wir sind von einem Product-Market Fit ausgegangen, und haben zu wenig unternommen, das zu überprüfen“.

    Sein Aha-Erlebnis war die Erkenntnis, dass es eine größere Leistung ist, mit vielen Hypothesen und wenig Aufwand das Kundenverständnis zu verbessern als verbissen ein Produkt technologisch zu perfektionieren, das dann sehr „erklärungsbedürftig“ und somit schwierig zu verkaufen ist.

    Verständnis des Kunden und richtige Kommunikation

    Im Industrial Tech Bereich sind komplexe B2B Verkaufsprozesse typisch. Ist der Endanwender noch leicht über die Technologie zu begeistern, müssen spätestens bei der Serieneinführung auch Controller und Management innerhalb des Unternehmens überzeugt werden. Das schafft man nicht aus einer ausschließlich technologischen Perspektive, sondern muss das große Ganze aus Kundensicht im Blick haben. Es gilt, klare Verbindungen zu allen betroffenen Prozessen im Unternehmen herzustellen. Wir beobachten, dass sich Vertriebserfolg erst dann einstellt, wenn ein signifikanter Einfluss des Start-Up Produktes auf die Gewinn- und Verlustrechnung vom Kunden wahrgenommen wird.

    Gerade junge Start-Ups haben es schwer, das Vertrauen der Kunden zu gewinnen und diese zu den notwendigen größeren Investments, aber vor allem zu Veränderungen der bestehenden Prozesse und zu Qualifizierungsmaßnahmen zu bewegen. Die mit dem Produkt verbundenen Chancen und Risiken so zu kommunizieren, dass die Entscheider diese verstehen, ist ausschlaggebend für den Erfolg.

    Fazit

    Es ist schwierig, zu unterscheiden, ob oder gar wie nah man dem Product-Market Fit ist. Startups im Industrial Tech Bereich, die einige Umsätze durch Proof-of-Concepts machen, können durchaus mehrere Finanzierungsrunden einwerben. Ohne Product-Market Fit ist das Scheitern letztlich unvermeidlich und nur eine Frage der Zeit.

    Wir haben nicht die alleinige Antwort und wir haben auch nicht den einen perfekten Weg zum Product-Market Fit gefunden.

    Aber, wir möchten Gründern helfen, sich dieser Herausforderungen bewusst zu werden und zu reflektieren, um noch erfolgreichere Unternehmen zu bauen. Gründen ist eine gewaltige Herausforderung, nicht nur auf der inhaltlichen Ebene sondern gerade für die Persönlichkeit.


    Nach unserer Erfahrung sollten Gründer…

    … so viel Kundenverständnis wie möglich generieren.

    … keine Scheu davor haben, mit Mock-Ups oder auch nur Ideen auf Kunden zuzugehen und immer wieder „Warum?“ fragen.

    … Kunden, Investoren aber auch sich selbst gegenüber kritisch sein und hinterfragen was Kunden, Probleme, Lösungen und Hindernisse  in der Implementierung sind.

    … Nein sagen, wenn es objektiv-analytisch nicht die beste Lösung für den Kunden ist.

    … gesunden Respekt vor der Größe und Schwierigkeit der Aufgabe haben.


    Wir würden uns freuen, wenn dieser Artikel Euch zum Nachdenken anregt aber noch lieber würden wir Eure Meinung zu den Hypothesen hören!

    Im nächsten Teil dieser Serie (Teil 3) beschäftigen wir uns mit der Frage woran man erkennt ob der Product-Market Fit erreicht ist.

  • Finanzierungslücke

    Finanzierungslücke

    Die Finanzierungslücke in der Wertschöpfungskette hat sich verschoben

    Es ist Routine. Sie nehmen Ihr Auto und fahren in den Urlaub ans Mittelmeer. Natürlich haben Sie alles gut vorbereitet. Sie machen sich keine Gedanken darüber, dass Ihr Auto weitere Tankfüllungen benötigen wird, damit Sie ihr Urlaubsziel erreichen können. Denn Sie sind sicher, dass Sie genügend Tankstellen auf dem Weg finden werden.

    Ganz anders bei Start-ups. Zum Zeitpunkt der Gründung ist Ihnen klar, dass Sie weitere finanzielle Mittel benötigen werden, wenn Sie wachsen wollen. Aber Sie kennen weder die Investoren der nächsten Runde noch wissen Sie, ob es überhaupt Interessenten für Ihre Idee gibt. Ein guter Seed-Investor wird sicher nicht die Erstfinanzierung tätigen, solange er nicht daran glaubt, für die nächsten Unternehmensphasen weitere Investoren zu finden. Niemand will im sogenannten Tal des Todes stecken bleiben. Vor etwa zehn Jahren waren Seed-Investments der Bottle-Neck. Einige Jahre später stand zwar deutlich mehr Seed-Kapital zur Verfügung, aber ohne global agierende Investoren waren bedeutende Wachstumsinvestitionen kaum zu bekommen. Und diese Investoren waren nicht leicht zu überzeugen. Heute hat sich die Situation deutlich verbessert. Start-ups, die sich mit technisch getriebenen Innovationen beschäftigen, haben gute Chancen, in allen Phasen Geld für ihre Entwicklung zu bekommen. Größere Runden mit Volumen über zehn Millionen Euro sind möglich. Aber dennoch scheint es aus Sicht einzelner Start-ups sehr anspruchsvoll zu sein, Zugang zu den richtigen Investoren zu bekommen.

    http://www.youtube.com/watch?v=S5FWkZ2hxbE&t=13s

    Deshalb ist es so wichtig, gerade zu Beginn der Unternehmensentwicklung den richtigen Investor auszuwählen. Dieser sollte in der Lage sein, die Türen zu anderen Investoren zu öffnen. Der Markt der Start-up-Finanzierung ist sehr intransparent. Ohne Kontakte bekommen Sie kaum Zugang zu vermögenden Privatpersonen, Konzernen oder internationalen Risikokapitalfonds. Außerdem müssen Sie hochqualifiziert sein, denn ein Pitch vor Investoren unterscheidet sich deutlich von einem Sales Pitch. Vor allem geht es dabei um das Vertrauen in das Team. Im Hinblick auf zusätzliche Finanzierungsrunden müssen Sie zudem sicherstellen, dass Investoren die Möglichkeit haben, auch in Folgerunden weiter investieren zu können.

    Die aktuelle Finanzierungssituation scheint in Ordnung zu sein. Wir sehen große Seed-Runden von über 10 Millionen Euro im Bereich der Arzneimittelentwicklung und außerordentlich hohe Investitionen in Deep-Tech- und Software-Unicorns. Es ist nicht nur der Vision Fund, der mit seinen Investments in AUTO1 und Get Your Guide neue Leuchttürme im europäischen Ökosystem für Start-ups geschaffen hat. Es finden viele bedeutende Finanzierungsrunden statt. So konnten die HTGF-Portfoliounternehmen allein im Jahr 2018 mehr als 120 Folgefinanzierungsrunden mit einem Volumen von rund 400 Millionen Euro abschließen.

    Die Situation ist jedoch von Sektor zu Sektor verschieden. Wenn Sie mit Ihrem Elektroauto ans Mittelmeer fahren wollen, werden Sie vorab sorgfältig über Ladestationen nachdenken. Möglicherweise ändern Sie sogar Ihr Ziel, da es dort keine Lademöglichkeiten gibt. Wenn Sie ein Unternehmen in der Chemiebranche gründen, werden Sie wahrscheinlich erhebliche Finanzierungsprobleme haben, um Ihre Produktionsanlagen von Pilot- auf Demonstrationsanlage oder auf den Industriestandard zu erweitern. Diese Scale-up-Investitionen werden als unsexy angesehen. Daher werden hier hochspezifische Investmentfonds benötigt. Diese Fonds müssen qualifizierte Investoren sein, die einerseits Geld beisteuern, andererseits auch über Fachwissen und ein Netzwerk zu anderen Investoren verfügen.

    Branchenübergreifend sind attraktive Exits entscheidend, denn Investoren suchen hohe Renditen und lassen sich von guten Erfolgsgeschichten inspirieren. Trotz einiger attraktiver Beteiligungsverkäufe gehen Experten davon aus, dass der Bottle-Neck sich an das Ende der Wertschöpfungskette verschoben hat. Die meisten mittleren und großen Unternehmen interessieren sich zunehmend für High-Tech-Start-ups, sie zeigen aber wenig Motivation, diese auch für eine attraktive Bewertung zu kaufen. Die großen Unternehmen in Deutschland führen zwar ihre Fusionen und Übernahmen professionell durch, konzentrieren sich aber hauptsächlich auf profitable, ertragsstarke Unternehmen. Start-ups werden von lokalen Käufern oft unterbewertet oder in vielen Fällen von Amerikanern oder Asiaten gekauft, die ein Premium für gute deutsche Technologieunternehmen zahlen. Um diese Situation zu verbessern, brauchen wir mehr Erfolgsgeschichten, die uns Benchmarks und Peers liefern. Der beste Weg, diese Leuchttürme zu schaffen, ist die Börse.

    Initial Public Offerings (IPOs) von High-Tech-Start-ups sind jedoch nicht möglich oder nicht attraktiv genug, da die europäischen Börsen zu wenig Liquidität für Tech-IPOs bieten. Ein Grund dafür ist, dass wir in Europa rund 30 Börsen haben, die miteinander um die Liquidität konkurrieren, während es in China und den USA nur zwei bzw. drei Börsenplätze gibt, die somit über große Liquidität verfügen.

    Zum Zeitpunkt an dem ein deutsches Biotech-Start-up im Wert von rund 40 Millionen Euro an einer europäischen Börse fast verhungert, hat das Münchner Biotech-Unternehmen Immunic einen Reverse Takeover abgeschlossen, um im April 2019 an der NASDAQ notiert zu werden. Immunic wird in Kürze weitere klinische Daten präsentieren, so dass sie sehr gute Aussichten haben, weitere Mittel für die nächsten Entwicklungsstufen ihrer Medikamente – mit einem Marktvolumen von jeweils über einer Milliarde Dollar – aufzubringen. Dies war eine extrem clevere und unternehmerische Transaktion, die uns lehrt: Solange wir keinen starken Marktplatz für Technologie-Start-ups in Europa haben, müssen wir uns intensiver mit anderen Ökosystemen verbinden, um den verbleibenden Engpass in der Wertschöpfungskette, die Exits, zu beseitigen.

  • Product-Market Fit: Der Haupt[-]grund für das Scheitern von Industrial Tech Startups im HTGF-Portfolio

    Product-Market Fit: Der Haupt­grund für das Scheitern von Industrial Tech Startups im HTGF-Portfolio

    Eine post-mortem Analyse des HTGF Industrial Technologies Portfolios

    Jedes Jahr sehen wir Hunderte Pitch Decks oder Business Pläne beim High-Tech Gründerfonds (HTGF) von Technologie-Gründungen im Industrieumfeld. In den letzten Jahren haben wir immer wieder die gleichen Erfahrungen gemacht, die maßgeblich über den Erfolg und Misserfolg von Industrial Tech Startups entscheiden.

    Gründer im Industrial Tech und Deep Tech Bereich haben häufig eine technische oder naturwissenschaftliche Ausbildung. Oft steht ein neues technologisches Produkt oder ein darauf basierender Service am Anfang der eigenen Gründungsambitionen.

    Schnell wird ein technischer Entwicklungsplan für das Unternehmen erstellt. Erste Markt- und Umsatzzahlen werden durch initiale Recherchen sowie Kundengespräche aufgestellt. Dann folgt die Zusammenfassung in Form eines Pitch Decks oder Business Plans. Die Wunschvorstellung vieler Startup Gründer in vereinfacht dargestellter Form: Die ursprüngliche Produktidee wird mit einem Investment bis zur Serienreife entwickelt. Anschließend wird der erfolgreiche Markteintritt durch Marketing- und Vertriebsaktivitäten vollzogen. Dann wird ein Wachstumsinvestor gesucht, um das Produkt oder den Service weiter zu skalieren.

    Der Startup Plan trifft auf die Industrie-Realität

    Aus unserer Erfahrung laufen Startup Gründungen selten nach Plan. Beispielsweise verzögern sich Umsätze oder sind deutlich niedriger als erwartet, oder die erste Produktversion muss technisch überarbeitet werden. Hierbei wird ein zentrales Risiko von vielen technischen Gründern ausgeblendet bzw. stark unterschätzt: Das Risiko, dass kein Bedarf am Markt bedient wird. Das zur Serienreife entwickelte Produkt oder der Service überzeugt keine ausreichende Anzahl von Kunden und die notwendigen Umsätze bleiben aus.

    Stattdessen sehen wir oftmals Teams, die sich hauptsächlich auf die Minimierung der Technologie- und Produktrisiken fokussieren. Die Gründer gehen nach dem Prinzip Hoffnung davon aus, dass die Kundennachfrage kommt, sobald das Produkt am Markt erhältlich ist. Häufig bekommen wir zu hören: „Ohne erstes Produkt kann der Kunde gar nicht wissen, ob dieses funktioniert und einen Mehrwert hat!“

    Einer der wichtigsten Gründe für das Scheitern von Startups wird stark vernachlässigt oder die Bedeutung erst viel zu spät erkannt: der Product-Market Fit und die Value Proposition aus Kundensicht.


    Product-Market Fit

    Product-Market Fit aus HTGF-Sicht bedeutet, dass das Startup die Probleme des Zielkunden vollständig und besser aus Kundensicht als potentielle Wettbewerber löst.

    Value Proposition

    Das zentrale Versprechen aus Kundensicht, dass das Produkt bzw. der Service des Startups dazu fähig ist, wird als Value Proposition bezeichnet. Wettbewerber sind oft nicht nur alternative Technologien, sondern auch Substitute oder bestehende Prozesse, die das Problem des Zielkunden gut genug lösen können.


    Die amerikanische Venture-Capital Datenbank CB-Insights kommt zum dem Schluss, dass der Hauptgrund des Scheitern ist, dass kein Bedürfnis am Markt bedient wird. 101 Startups wurden, nicht-ausschließlich auf den Industrial Tech Bereich fokussiert, post-mortem analysiert: 42% der analysierten Startups sind von dieser Kategorie betroffen, die klar dem Product-Market Fit zugeordnet werden kann. Wahrscheinlich ist die Zahl der Unternehmen, die am Product-Market Fit gescheitert sind, schätzungsweise noch höher! Unter den Top 10 finden sich zusätzlich andere Gründe, die dem Product-Market Fit indirekt zugeordnet werden können, z.B. das Ignorieren von Kunden, schlechtes Marketing oder Probleme beim Pricing von Produkten.

    Das Wissen zum Product-Market Fit ist verfügbar

    Dass dies häufig vorkommt, überrascht uns umso mehr. Mittlerweile sind den meisten Startup Gründern, auch aus dem Industrial Tech Umfeld, die ursprünglich im Silicon Valley entwickelten Konzepte wie Lean Startup von Steve Blank oder der Product-Market Fit ein Begriff. Dieser wurde schon 2013 von dem Wealthfront Gründer Andy Rachleff geprägt. Darüber hinaus existieren eine Vielzahl guter Beiträge im Internet, allen voran die Lean Launch Pad Vorlesung von Steve Blank oder der Blog-Beitrag 12 Things about Product-Market Fit von Tren Griffin (Andreessen Horowitz), die diese Themen mit relevanten Erkenntnissen aus der Praxis vertiefen.

    Unsere Portfolio-Analyse: Warum scheitern Industrial Tech Startups?

    Aus der Erfahrung von über 150 Industrial Tech Investments ist uns sehr bewusst, wie wichtig der Product-Market Fit für Startups in der Seed-Phase ist. Wir haben in viele, sehr erfolgreiche Industrial Tech Startups investiert. Diese haben aufbauend auf einem initialen Product-Market Fit große Werte geschaffen. Gleichzeitig haben wir vielfach erlebt, dass dieser der wichtigste Grund für das Scheitern ist. Wie häufig der Product-Market Fit eine Rolle bei unseren gescheiterten Industrial Tech Startups gespielt hat, wurde bisher jedoch noch nicht systematisch ausgewertet. Diese Fragestellung finden wir besonders spannend. Bisherige Beiträge und Analysen zum Thema Product-Market Fit beschäftigen sich bisher nicht explizit mit diesen Unternehmen, sondern adressieren andere Unternehmen, z.B. mit SaaS-Modell oder B2C-Fokus.

    Wir haben 154 Investments, die in die Bereiche Maschinenbau, Energie, Automatisierung, Steuerungssysteme, optische Technologien oder industrielle Software fallen, getätigt. 46 Investments hiervon waren entweder ein Totalverlust oder haben keine nennenswerten Rückflüsse generiert.

    Um die Gründe für das Scheitern herauszuarbeiten, haben wir eine detaillierte Auswertung dieser Investments durchgeführt. Neben internen Dokumenten haben wir für die post-mortem Analyse auch Interviews mit den verantwortlichen Investment Manager geführt. Auch die persönlichen Erfahrungen konnten so berücksichtigt werden. Insgesamt konnten wir Ergebnisse von 39 gescheiterten Investitionen auswerten. Als Grundlage der Analyse wurden die gleichen Kategorien verwendet, die CB Insights verwendet hat, um hier eine Vergleichbarkeit zu ermöglichen.

    Unsere Portfolioauswertung zeigt ein eindeutiges Bild: In unserem ehemaligen Industrial Technologies Portfolio ist der Product-Market Fit mit Abstand der Hauptgrund für das Scheitern. Obwohl viele der Gründer an anspruchsvollen technologischen Vorhaben gearbeitet haben, ist tatsächlich fast niemand an den Risiken der technischen Entwicklung gescheitert. Das von vielen Investoren zitierte Team als Erfolgsfaktor ist zwar ebenfalls bedeutend, ist aber nicht der Hauptgrund für die betrachteten Misserfolge.

    Aus unserer Sicht belegen diese Ergebnisse, dass der Product-Market Fit gerade für High-Tech Startups mit Industriefokus in der Seed-Phase überlebenswichtig ist. Auch für uns als Investoren im HTGF Industrial Tech Team ist dieser erfolgskritisch. Daher beschäftigen wir uns seit längerem gemeinsam mit unseren Portfoliounternehmen mit der Herausforderung, den Product-Market Fit schnellstmöglich zu finden. Wir arbeiten sowohl an Indikatoren für einen erfolgreichen Product-Market Fit als auch an Business Development Prozessen und Tools. So versuchen wir die Gründer bei der Suche nach dem Fit im Industrial Tech Bereich bestmöglich zu unterstützen.

    Unsere hierbei generierten Learnings und Erfahrungen aus Investorensicht stellen wir für Gründer und Startups im Rahmen einer Serie vor.

    Im nächsten Teil dieser Serie (Teil 2) beschäftigen wir uns mit den besonderen Herausforderungen im Industrial Technologies Bereich auf dem Weg zum Product-Market Fit.