Recht neu denken: Die KI, die die Kanzleiarbeit übernimmt

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Im Gespräch mit René Fergen, Mitgründer und CEO von JUPUS, und Max Bergmann, Investment Manager beim HTGF

JUPUS hat gerade 13 Mio. Euro eingesammelt, den ARR im letzten Jahr vervierfacht und bearbeitet täglich über 2.000 neue Fälle – mehr als jede Anwaltskanzlei in Europa. Das Kölner Startup hat das erste KI-Sekretariat für Anwaltskanzleien in Europa entwickelt: eine KI, die nicht assistiert, sondern eigenständig arbeitet. Dahinter steckt ein strukturelles Problem, das viele unterschätzen – und eine Partnerschaft, die beim ersten Gespräch begann. Wir haben Mitgründer René Fergen und HTGF Investment Manager Max Bergmann gefragt, wie es dazu kam – und was jetzt kommt.

von links: Max Bergmann, Investment Manager beim HTGF, und René Fergen, Mitgründer und CEO von JUPUS (Bild: HTGF / JUPUS)

René, warum stehen Anwaltskanzleien gerade so unter Druck?

René: Über 50 Prozent der Arbeit in einer Kanzlei läuft nicht über Anwälte, sondern über Rechtsanwaltsfachangestellte. Genau dieser Beruf stirbt jedoch aus. In den letzten 30 Jahren hat sich die Zahl der Anwälte verdreifacht, während die Zahl neuer Rechtsanwaltsfachangestellter um über 70 Prozent gefallen ist. In Berlin haben letztes Jahr 88 Menschen die Ausbildung begonnen, bei mehr als 12.000 Anwälten in der Stadt.

Eine Stellenanzeige löst das nicht, weil es niemanden mehr gibt, der sich bewirbt. Die Folge ist, dass Anwälte  weniger Fälle annehmen können, trotzdem mehr arbeiten müssen und dabei weniger verdienen – bis es sich irgendwann überhaupt nicht mehr lohnen wird. In Zukunft muss jemand diese Arbeit übernehmen, und es werden keine Menschen mehr sein können. Genau diese Lücke füllen wir.

Max, wie bist du auf René und Jannis aufmerksam geworden – und was hat dich damals überzeugt?

Max: Wir hatten schon früh einen ersten Austausch mit René. Er ist jemand, der einem im Gespräch das Gefühl gibt, dass er seinen Markt wirklich versteht. Kurze Zeit später kam dann nochmal ein Intro über einen Investor aus unserem Netzwerk und da war für uns klar: Das lohnt sich, genauer hinzuschauen.

Was uns überzeugt hat, war die Kombination aus Team, Markt und früher Traktion. René versteht die Zielgruppe, Jannis bringt als CTO bereits Gründer- und Exiterfahrung mit. Das frühe Vertrauen der richtigen Leute war ebenfalls ein starkes Signal. Der Vorstand des Legal Tech Verbands Deutschland und Felix Plog, ehemals COO bei Enpal, waren schon als Angels dabei. Dazu kam der strukturelle Rückenwind: immer mehr Anwälte, aber massiv einbrechender Nachwuchs bei den Rechtsanwaltsfachangestellten.

René, warum habt ihr euch für den HTGF entschieden – was habt ihr euch von dieser Partnerschaft erhofft, über das Kapital hinaus?

René: Mitentscheidend war für uns das große Netzwerk des HTGF. Der Zugang zu Kontakten, anderen Gründerinnen und Gründern und potenziellen Partnern spart in dieser Phase enorm viel Zeit und öffnet Türen, die man sich sonst einzeln erarbeiten müsste. Dazu kam ein Partner, der einen deutschen B2B-Markt versteht und die Ambition teilt.

„KI-Sekretariat“ klingt groß – René, was passiert konkret, wenn eine Kanzlei JUPUS einsetzt?

René: Konkret übernimmt die JUPUS KI die Arbeit, die sonst ein Rechtsanwaltsfachangestellter machen würde, nur eigenständig und rund um die Uhr. Das Telefon wird angenommen, Mandanten werden qualifiziert, Termine gebucht, Akten angelegt, Dokumente erstellt, Mandantenkommunikation unterstützt. Die KI assistiert nicht nur, sie führt auch Aufgaben selbstständig aus und legt sie fertig vor.

Für den Anwalt heißt das: mehr bearbeitete Fälle bei gleichem Team, ohne die Stelle zu besetzen, die er ohnehin nicht besetzen kann. Kunden kaufen uns nicht als Software, sondern als Ersatz für Personal, das sie nicht finden. Heute arbeiten wir mit über 2.000 Anwälten täglich mehr Fälle ab als jede Kanzlei in Europa.

Globale Anbieter kündigen jetzt eigene Legal-Produkte an. Macht dir das Sorgen, René?

René: Nein, und der Grund ist Daten. Ein Foundation-Model-Anbieter kann exzellente allgemeine Fähigkeiten liefern, sogar legal-nahe Features. Was er nicht hat, sind echte Daten aus der täglichen Kanzleiarbeit. Genau das entscheidet aber, ob eine KI eine Aufgabe nicht nur beschreibt, sondern verlässlich ausführt.

Wir bauen einen der größten Legal-Datensätze Europas und haben millionenfach reale Falldaten gesehen, die vollständige Handlungskette aus hunderten und bald tausenden Kanzleien. Für jedes Rechtsgebiet und jedes wiederkehrende Fallmuster lernt unser System, was der beste nächste Schritt tatsächlich ist, weil wir gesehen haben, was in erfolgreichen Mandaten wirklich passiert.

Je mehr Kanzleien JUPUS nutzen, desto besser wird das System. Diesen Vorsprung kann ein Generalist nicht nebenbei einholen, weil er die Daten schlicht nicht hat.


Max, Ihr habt Pre-Seed, Seed und jetzt die Series A zusammen gemacht. Was hat sich bei JUPUS in dieser Zeit verändert – was hat dich beeindruckt?

Max: Was mich am meisten beeindruckt hat, ist dass René und das Team über alle Runden hinweg dieselbe Klarheit und Ambition mitgebracht haben – die hat sich nicht abgenutzt, sondern eher noch geschärft. Sie wissen genau, was sie wollen und wohin sie wollen. Und genau diese Klarheit strahlt nach außen ab.

Das sieht man nirgendwo deutlicher als beim Team, das sie im letzten Jahr aufgebaut haben. Führungskräfte aus Doctolib, DeepL, Google und sevdesk – Leute, die viele Optionen haben – haben sich bewusst für JUPUS entschieden. Das passiert nicht zufällig. Das ist das Ergebnis einer überzeugenden Vision, die auch Top-Talente anzieht und bindet.

René, was hat die Zusammenarbeit mit Max und dem HTGF konkret gebracht – gibt es einen Moment, den du exemplarisch nennen würdest?

René: Der größte Wert lag nicht in einem einzelnen Tipp, sondern darin, dass Max über drei Runden hinweg dieselbe Klarheit hatte wie wir und in Schlüsselmomenten Ruhe reingebracht hat und immer zur Stelle war, wenn wir ihn brauchten. Er hat wertvolle Kontakte gemacht, die uns beispielsweise im Hiring sehr geholfen haben. Max hat nicht die Entscheidung abgenommen, aber die richtigen Fragen gestellt, sodass wir schneller und sauberer entschieden haben.

13 Millionen Euro Series A – wofür genau, und wo steht JUPUS in zwei Jahren, René?

René:Vertrieb skalieren, Produkt weiterentwickeln und den Datenvorsprung verteidigen. Wir sind 2025 um über das Vierfache gewachsen. Jetzt drehen wir das auf. Unser Vertrieb wächst, um in Deutschland weiter zu skalieren. In zwei Jahren wollen wir der klare Marktführer in Deutschland sein und die EU-Expansion gestartet haben.

Max, was bedeutet diese Runde aus Investorenperspektive – was zeigt sie über den LegalTech-Markt?

Max: Sie zeigt, dass der europäische LegalTech-Markt lange unterschätzt wurde – und dass sich das gerade ändert. Der EU Data Act löst das Lock-in der Legacy-Anbieter auf, die KI-Adoption in Kanzleien steigt rapide. In solchen Momenten entscheidet sich, wer die nächsten zehn Jahre führt.

Das Rennen ist dabei noch nicht gelaufen. Gerade im Legal-Markt wird Data Sovereignty zum echten Differenzierungsmerkmal: Kanzleien werden zunehmend sensibler dafür, wessen Systeme ihre Mandantendaten verarbeiten. Ein europäischer Anbieter hat hier einen strukturellen Vorteil gegenüber US-amerikanischen Generalisten – zumal spezialisierte Vertical-AI-Player mit proprietären Daten aus realen Workflows einen Burggraben aufbauen, den ein Generalist nicht einfach einholen kann.

Was würdest du Gründer:innen mitgeben, die in einen regulierten, eher risikosensiblen Markt wie Legal einsteigen wollen, René?

René: In einem regulierten Markt gewinnt nicht der mit der besten Technologie, sondern der mit dem tiefsten Verständnis für den Kunden. Bau für die echte Realität deiner Nutzer, nicht für die Demo. Bei uns heißt das: radikale Einfachheit für nicht-technische Anwälte, weil jede Komplexität eine Wechselbarriere ist. Und beweg dich trotzdem schnell. Regulierung ist kein Grund zu zögern, sondern oft genau das Fenster, in dem sich ein Markt neu ordnet.

Was habt ihr gelernt – René als Gründer, Max als Investor – das ihr am Anfang gerne gewusst hättet?

Max: Als Frühphaseninvestor hat man nie vollständige Information und muss trotzdem entscheiden. Bei JUPUS waren es damals vor allem Team und Marktverständnis, die überzeugt haben. Außerdem habe ich gelernt, wie wichtig Verfügbarkeit ist: Der größte Mehrwert entsteht oft nicht in formellen Meetings, sondern in den Gesprächen dazwischen – wenn schnell eine Einschätzung oder ein Kontakt gebraucht wird.

René: Dass der schwierigste Teil nicht die Technologie ist, sondern die Klarheit darüber, was man bewusst nicht baut. Es kommen immer wieder große Kunden, die aufwändige Lösungen von euch haben wollen – die Frage, die wir uns dann gestellt haben, war immer: Bringt uns dieser kurzfristige Umsatz wirklich näher zu unserem langfristigen Zielbild oder verlängert es den Weg dorthin? Die Antwort für uns war nahezu immer „Nein“. Früher hätte ich gerne verstanden, dass schnelles, sauberes Verwerfen eine der wertvollsten Fähigkeiten eines Gründers ist.

Vielen Dank euch für die spannenden Einblicke!

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