„Inkrementelle Verbesserungen reichen nicht aus“ – Frank Desiere, CEO von CorTec, im Interview
Mit der zweiten erfolgreichen Implantation eines vollständig implantierbaren Brain-Computer-Interface-Systems setzt das Freiburger MedTech CorTec ein starkes Signal für die nächste Generation der Schlaganfalltherapie.
Die Technologie adressiert Patient:innen jenseits der Grenzen klassischer Reha und eröffnet neues funktionelles Potenzial. Im Interview spricht CEO Frank Desiere über Skalierung, die Rolle langfristiger Investoren und Mindset-Fragen für MedTech-Gründer:innen.

Die zweite Implantation des Brain-Computer-Interface von CorTec ist ein wichtiger Meilenstein. Für welche Patientinnen und Patienten eignet sich das System?
Unser System ist für Schlaganfallpatientinnen und -patienten gedacht, die nach Jahren intensiver Rehabilitation keine Fortschritte mehr erzielen. Unser Gerät macht es möglich, die Therapie für diese Menschen gewissermaßen neu zu starten und zu beschleunigen. Die ersten Ergebnisse sind sehr vielversprechend.
Wie kann Ihre Technologie die Rehabilitation langfristig verändern?
Weltweit erleiden jedes Jahr rund 15 Millionen Menschen einen Schlaganfall. 80 % von ihnen leiden danach unter Lähmungen, vor allem der Arme und Hände und 40 % haben mit langfristigen Einschränkungen zu kämpfen. Das ist ein echtes Problem. Die klassische Neurorehabilitation hilft eine gewisse Zeit, aber nach sechs bis zwölf Monaten stagnieren die Fortschritte. Genau hier setzen wir an: Unsere Technologie ist für Patientinnen und Patienten gedacht, bei denen die klassische Therapie nicht mehr weiterhilft. Wir sorgen dafür, dass diese Menschen ihre Beweglichkeit und Selbstständigkeit wieder ausbauen können.
Die beiden Implantation fanden in Zusammenarbeit mit der University of Washington School of Medicine statt. Wie beeinflussten die internationale wissenschaftliche Expertise und die Forschung die Weiterentwicklung Ihrer Technologie?
Das ist überaus wichtig. Wir sind global unterwegs und kooperieren mit führenden wissenschaftlichen Partnern in den USA, in Europa und in Japan. Neben der University of Washington in Seattle, wo wir die Schlaganfallbehandlung voranbringen, kooperieren wir mit der Mayo Clinic im Bereich Epilepsie, mit der Universität Utrecht für ALS-Patient:innen und mit der Universität Freiburg im Bereich Depression. Diese Netzwerke beschleunigen Innovation und sorgen dafür, dass wir stets am neuesten Stand der Forschung arbeiten.
Wie weit ist bei den anderen Krankheitsbildern die Entwicklung?
Schlaganfälle sind unsere Hauptindikation und klarer Fokus. In der Zusammenarbeit mit der Mayo Clinic im Bereich Epilepsie läuft bereits eine sehr vielversprechende klinische Studie mit 13 Patient:innen. Hier geht es um die Früherkennung und Prävention epileptischer Anfälle. Dabei ist unser Device im externen Einsatz und nicht implantiert, also anders als bei Schlaganfallpatientinnen und -patienten.
Der HTGF ist ein früher Investor – schon seit 2011. Welche Rolle spielte diese Unterstützung für die Entwicklung von CorTec?
Langfristige Investoren wie der HTGF sind zentral, um wirklich bahnbrechende Ideen zu unterstützen und weiterzuentwickeln. Man muss den Investmentmanagerinnen und -managern beim HTGF ein großes Kompliment machen, weil eine große Kompetenz in verschiedenen Bereichen nötig ist, um vielversprechende Innovationen zu erkennen. Es braucht auch eine klare Vision und Entscheidungsfähigkeit. Man kann Caroline Fichtner und Marco Winzer nur gratulieren, dass sie diese Weitsicht bewiesen haben. Jetzt zeigt sich, dass Brain-Computer-Interfaces ein Riesenthema werden.
Wo sehen Sie sich im internationalen Wettbewerb?
Wir sind mit unseren internationalen Wettbewerbern in den USA und auch in China, nicht nur auf Augenhöhe, sondern sogar voraus. Unser Alleinstellungsmerkmal: wir können das Gehirn nicht nur lesen, sondern auch schreiben, also gezielt Signale ins Gehirn geben. Das eröffnet Möglichkeiten für neurologischen Therapien der Zukunft, welche die anderen heute noch gar nicht adressieren können.
Können Sie schon einen Ausblick geben, was die nächsten Schritte sind – insbesondere in der Indikation Schlaganfall?
Wir bereiten jetzt die nächste Finanzierungsrunde vor. Die nächsten Studien werden größer und komplexer sein und brauchen entsprechend mehr Kapital. Europa ist in der Frühphase gut aufgestellt, aber wenn es darum geht, größere Studien zu finanzieren und durchzuführen, da haben wir eine Lücke in der Finanzierungslandschaft. Deshalb schauen wir uns auch gezielt Optionen in den USA und in China an, um zusätzliches Kapital einzuwerben. Die Entwicklung eines Medizintechnik-Produkts kostet ungefähr 100 Mio. € und wir sind in einem Bereich mit vielen Unwägbarkeiten.
Auf unserem bisherigen Weg sind wir als Firma sehr kapitaleffizient vorgegangen. Zusätzlich haben wir öffentliche Gelder eingesammelt und sind damit sehr weit gekommen. Viele Wettbewerber haben deutlich mehr Kapital eingesammelt und sie sind noch lange nicht so weit wie wir.
Welche Ratschläge würden Sie MedTech-Gründerinnen und -Gründern mitgeben?
Man muss groß und langfristig denken: Inkrementelle Verbesserungen reichen nicht aus. Für Gründerinnen und Gründer ist es wichtig, sich mit Themen zu befassen, die einen echten Unterschied für Patienten möglich machen. So entsteht echter medizinischer und gesellschaftlicher Impact und ein Marktpotenzial, das Investoren anzieht.
Ganz wichtig sind die richtigen Partner im akademischen Bereich. Man will mit den Besten im Feld zusammenarbeiten, um ganz vorne dabei zu sein, die neuesten Ideen und Erkenntnisse umzusetzen.
Partner aus der Industrie sollten die eigenen Kompetenzen idealerweise ergänzen, um in einem Innovationsökosystem wirklich vorwärtszuarbeiten.
Schließlich braucht es ein Team, das nicht nur fachlich stark ist, sondern eine gemeinsame Vision teilt und eine Idee interdisziplinär vorantreibt.
Vielen Dank für das Gespräch!



































