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„Wir mussten das Skalieren skalieren“: Ein Gespräch mit Dr. Oliver Hennig von BioNTech

Wie entwickelt, testet und produziert man innerhalb kürzester Zeit einen Impfstoff gegen eine Krankheit, über die wenig bekannt ist? Dem Unternehmen BioNTech ist dies gelungen. Teil dieser Geschichte ist Dr. Oliver Hennig, Senior Vice President Operations bei BioNTech. Auf der High-Tech Partnering Conference (HTPC), die der High-Tech Gründerfonds am 12. April 2022 veranstaltet, wird er von seinen Erfahrungen aus den vergangenen Monaten berichten. Im Interview erzählt er vorab, wie er und sein Team die Produktion und Auslieferung des Impfstoffs gegen Corona geplant und durchgeführt haben – und verrät seine wichtigsten Learnings.  


Herr Dr. Hennig, hatten Sie eigentlich schon die Gelegenheit innezuhalten und auf die vergangenen Monate zurückzublicken? 

Dafür ist tatsächlich wenig Zeit geblieben, aber Veranstaltungen wie die High-Tech Partnering Conference sind nun eine gute Gelegenheit. Die Zeit seit März 2020 ist bei uns wie im Zeitraffer vergangen, es ist viel passiert: das Aufstellen neuer Abläufe und die Hochskalierung der Produktion inklusive der Suche nach Partnern sind nur zwei von vielen Aufgaben, an denen wir mit Hochdruck in den letzten zwei Jahren gearbeitet haben. Gleichzeitig stehen wir, was den Aufbau und die Erweiterung der Produktion für weitere Produktkandidaten betrifft, bereits in den Startlöchern. Wir haben zahlreiche Produktkandidaten in der Pipeline – im onkologischen Bereich sind wir bereits mit einigen Kandidaten in fortgeschrittenen klinischen Studien. Kurz gesagt: Es ist viel passiert, aber es geht weiter.

Dr. Oliver Hennig, Senior Vice President Operations bei BioNTech

Was haben Sie in Ihrem operativen Bereich als erstes gemacht, als die Pandemie losging?

Ganz zu Beginn habe ich selbst von der Entwicklung des Corona-Impfstoffs noch wenig mitbekommen. Mein Team und ich waren mit anderen Themen beschäftigt: Wir mussten dafür sorgen, dass die Produktion unserer Produktkandidaten im Bereich Onkologie während einer weltweiten Pandemie weiterlaufen kann, weil die Patienten in den klinischen Studien versorgt werden mussten. Hier standen wir vor gleichen Herausforderungen wie andere Firmen auch.

Wann ging es für Sie mit der Produktion des Impfstoffs los?

Als wir erstes Material für die klinischen Studien herstellen wollten. Ab dann musste es unheimlich schnell gehen: Binnen zwei Tagen haben wir Maßnahmen zur Reorganisation definiert und beschlossen, um so die Produktion zu ermöglichen. Wir sind alle Aufgaben sehr pragmatisch und zielorientiert herangegangen, um keine Zeit zu verlieren: Als ein größerer Roboter versetzt werden musste, der nicht durch Gänge und Türen passt, haben wir die Fassade des Gebäudes aufgeschnitten und ihn mit einem Kran herausgehoben. Bereits eine Woche später haben wir dann dort mit der Qualifizierung der mRNA-Produktion für eine klinische Studie begonnen.

Was hat sich in Ihrem Bereich durch die Entwicklung des Corona-Impfstoffs verändert?

Die grundlegenden Prozesse und auch die Skalierung kannten wir aus unserer bisherigen Arbeit zur Herstellung von mRNA-basierten onkologischen Produktkandidaten. Die Größenordnung wurde mit dem Impfstoff gegen Corona allerdings mit einem Schlag eine komplett andere: Im Bereich der individualisierten Krebstherapie etwa haben wir mRNA in viel geringerer Menge produziert, wenige Gramm, teilweise sogar im Milligramm-Bereich, da wir Impfstoff zugeschnitten auf den jeweiligen individuellen Patienten hergestellt haben. Eine Charge entsprach einem Patienten. Plötzlich benötigen wir das 1000-Fache – quasi kiloweise mRNA. Wir mussten das Skalieren skalieren.

Was sind drei wichtige Learnings, die Sie aus dieser Phase mitgenommen haben?

Auch wenn uns die ersten Studien zur Impfstoffwirkung überzeugt haben, gehört zu jeder Entscheidung in dieser Phase eine ganze Portion Mut – dies ist ein erster wichtiger Punkt. Man muss irgendwann eine Entscheidung treffen, obwohl der Ausgang noch nicht sicher ist. Wir mussten hunderte davon auf unserem Weg zum Impfstoff treffen, und haben dies konsequent auf Basis von Daten und der Abwägung verschiedener Szenarien gemacht. Wir sagen immer: Wir sind nicht risikoavers, sondern risikobewusst. Zweitens sind gute Partner unerlässlich. Bestimmte Erfahrungen, gerade in der Internationalisierung und in der Produktion großer Einheiten hatten wir schlichtweg nicht. Die richtigen Partner zu haben und diese von dem Vorhaben zu überzeugen und zu begeistern – darauf kommt es an. Und drittens haben wir gelernt, dass man in einem vollkommen transparenten, offenen und ehrlichen Austausch mit den Behörden gemeinsam in sehr kurzer Zeit viel erreichen kann – besonders dann, wenn beide Seiten potenzielle Fragen und Herausforderungen des jeweiligen anderen antizipieren.

Wie haben Sie sich auf die Produktion in großen Mengen vorbereitet?

Noch bevor wir die Daten aus der entscheidenden dritten Studie hatten, haben wir unseren Partnern und unserem Herstellungsnetzwerk mitgeteilt, dass wir die Produktion hochfahren möchten. In dieser Zeit sind wir stark in Vorleistung gegangen: Unser Werk in Marburg kam hinzu, zusätzlich der Kauf von Rohstoffen. Parallel hatten wir begonnen, verschiedene Szenarien, was die Auslieferung und die Lagerung unseres Impfstoffes betrifft, durchzuspielen – immer mit der Frage im Kopf: Ist die Auslieferung unseres Impfstoffes trotz möglicher verschiedener Ereignisse und Hindernisse sichergestellt; haben wir alle möglichen Szenarien bedacht? Man kann nie sicher sein, aber wir wollten Risiken weitestmöglich reduzieren – immerhin geht es darum, Menschen zu schützen.

Irgendwann kamen die entscheidenden Daten und der Impfstoff konnte ausgeliefert werden.

Ganz genau, dann wurden die Szenarien real. Wir mussten die Laster beladen. Ich weiß das noch sehr gut: Die ersten Dosen in Deutschland und Europa haben wir während der Weihnachtsfeiertage ausgeliefert. Ich wusste, wo eine der ersten Lieferungen in Deutschland ankommen sollte, und habe es mir nicht nehmen lassen, persönlich hinzufahren. Ab diesem Zeitpunkt im Dezember 2020 ging es dann richtig los. Das Team hat in dieser Zeit gefühlt neun Tage die Woche gearbeitet, um die ersten Chargen unseres Impfstoffes sicher zu den Verteilzentren und schließlich natürlich zu den Menschen zu bringen.

Wie haben Sie die Arbeit in Ihrem Team in dieser Zeit wahrgenommen?

Bei BioNTech zu arbeiten ist ein bisschen wie in einem Familienbetrieb zu arbeiten. Das Team ist der Kern unserer Arbeit. Sie müssen bedenken, wir hatten viele eingespielte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, aber auch viele neue. Das muss man zusammenführen. Für mich war es daher wichtig, absolutes Vertrauen in das Team zu haben. Andersherum galt eben auch, dass ich präsent sein und mir das Vertrauen meiner Leute verdienen musste. Auch Empathie und Zusammenhalt ist wichtig: Wir waren zu dieser Zeit teilweise an der Belastungsgrenze. Hier muss man wissen, wann es richtig ist, eine Pause zu machen und mental und körperlich durchzuatmen. Ein weiterer entscheidender Punkt ist eine gesunde Fehlerkultur. Wenn sich die Leute nicht eingestehen wollen, einen Fehler gemacht zu haben, kann niemand davon lernen und es kann auch nicht gemeinsam nach schnellen Lösungen gesucht werden. Immerhin haben Fehler auch das Potenzial, mögliche Schwachstellen im Prozess aufzudecken sowie neue Lösungsansätze zu entwickeln – der offene Umgang mit Rückschlägen ist eine Voraussetzung für echte Innovationen.

Wie hat sich die Arbeit bei BioNTech verändert?

Die Zulassung des ersten mRNA-basierten Corona-Impfstoffs war ein großer Sprung für uns als forschendes Biotech-Unternehmen, aber auch für die Wissenschaft und die Medizin. Es war ein Proof-of-Concept, dass die mRNA-Technologie gut verträglich und effektiv ist. An dieser neuen Wirkstoffklasse haben unsere Mitgründer Ugur Sahin und Özlem Türeci mehr als 20 Jahre Grundlagenforschung investiert. Ohne diese Vorarbeit wären wir nicht in der Lage gewesen, dieses Produkt erfolgreich zu entwickeln und abzuliefern. Wir arbeiten weiter verstärkt im Bereich Onkologie und wollen auch im Bereich der Infektionskrankheiten Fortschritte machen. Unter anderem wollen wir Impfstoffe gegen Malaria und Tuberkulose entwickeln. Wir sind noch nicht am Ziel, sondern stehen gerade am Anfang.

Wir freuen uns auf Ihren Impuls bei der diesjährigen HTPC. Was können die Besucher:innen von Ihnen erwarten?

Ich würde gerne die Erfahrungen weitergeben, die ich in den letzten Jahren sammeln konnte. Als ich bei BioNTech anfing, waren wir bereits ein großartiges forschendes Biotech-Unternehmen mit exzellenten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Aber es gab noch nicht mal eine eigene Webseite. Sieben Jahre später haben wir zusammen mit unserem Partner Pfizer 3 Milliarden Impfdosen in über 170 Länder und Regionen der Welt geliefert. Wir sind in allen Bereichen gewachsen und haben uns eine Plattform geschaffen, von der aus wir weiter daran arbeiten werden, in der Zukunft medizinische Innovationen zu entwickeln sowie den Zugang zu Medizin zu demokratisieren. Diese Geschichte möchte ich erzählen.

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