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Warum wir mehr Investitionsvielfalt im Life Sciences Bereich brauchen, um Krisen wie die jetzige bewältigen zu können

Dr. Bernd Goergen ist seit zwölf Jahren beim High-Tech-Gründerfonds. Der Partner ist Experte im Bereich Life Sciences. Zu seinem Portfolio gehört auch PEPperPRINT, ein Heidelberger Startup, das wertvolle Dienste im Kampf gegen Corona leistet. Ein Gespräch über Life-Sciences-Startups, Pharma-Innovationen und die Wichtigkeit langfristiger Investment-Strategien.


Bernd, wie unterstützt euer Portfolio-Unternehmen PEPperPRINT im Kampf gegen Corona?

PEPperPRINT liefert ein Werkzeug, um schnell und einfach jedes denkbare Protein in winzigen Bruchstücken direkt auf kleinen Objektträgern, also Chips, zu synthetisieren. Dies erfolgt über ein Laser-Druckverfahren. Anstelle von Farben werden die kleinsten Einheiten eines Proteins, die sogenannten Aminosäuren, hintereinander auf die Oberfläche aufgebracht und miteinander zu Ketten verbunden. Dies gilt natürlich auch für Viren wie jetzt SARS-CoV-2. So können Forscher das gesamte Virusproteom auf einem Chip zusammen mit Patientenproben analysieren und damit einen immunologischen Fingerabdruck erstellen.

Wozu ist das gut?

Damit lässt sich zum Beispiel untersuchen, gegen welche Protein-Bausteine des Virus das Immunsystem der Infizierten Antikörper bildet, wie sich Infizierten-Gruppen immunologisch unterscheiden und wo ein Impfstoff am besten ansetzen kann. Das erste Batch dieses sogenannten 2019-nCoV-Peptidmicroarrays war darum innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Die Mitarbeiter von PEPperPRINT arbeiten nun seit Wochen auf Hochtouren, um den Bedarf decken zu können.

Die aktuelle Krise einmal außen vor, wie geht es der Startup-Branche im Bereich Life Sciences insgesamt?

Das Investitionsangebot ist stark gestiegen. Das sieht man auch bei den Pharmaunternehmen selbst, die sich entweder direkt über Entwicklungskooperationen oder über Corporate Venturing immer mehr an entsprechenden Biopharma-Startups beteiligen. Seit dem Platzen der Startup-Blase Anfang des Jahrtausends ist hierzulande noch nie so viel Geld in frühphasige Life Sciences Unternehmungen geflossen wie zuletzt.

Was sind die wichtigen Trends?

Die Produktentwicklung im Life-Sciences-Bereich, insbesondere bei Medikamenten, ist zum Teil extrem lang. Wir müssen oft antizipieren, was in den nächsten acht bis zwölf Jahren gebraucht und auch weiterfinanziert wird. Darum setzen wir beim HTGF nicht nur auf aktuelle Trends. Sich nur auf ein Indikationsgebiet oder eine Life Sciences Subbranche zu konzentrieren, wäre für einen Seed-Fonds wie uns schlichtweg fahrlässig. Es entspräche auch nicht dem Mandat unserer Investoren. Für unsere Investitionsentscheidung ist ausschlaggebend: eine innovative, schützbare Technologiebasis, ein plausibles Geschäftsmodell und ein Team mit der Kenntnis und dem Drive das Projekt voran zu bringen. Aber es geht auch um die nachhaltige Bedeutung der von uns finanzierten Unternehmen.

Was meinst du damit?

Mit unserem breiten Investitionsansatz können wir Entwicklungen und Trends, die vielleicht noch nicht unmittelbar sichtbar sind, nachhaltig anschieben. Anti-Infektiva sind dafür ein gutes Beispiel. Der Bereich wirkte in den vergangenen Jahren für viele vielleicht auf den ersten Blick nicht so lukrativ wie beispielsweise die Onkologie. Die aktuelle Krise zeigt etwas anderes! Ich kann andere Investoren nur einladen, gemeinsam mit uns auch in diese vermeintlichen Nischen-Sparten zu investieren, es lohnt sich. Genau diese Startups sind es am Ende vielleicht, die in Krisen wie jetzt sehr wichtig werden.

Hast du dafür noch weitere Beispiele?

Ich kann zumindest zeigen, wie Startups aus unserem Portfolio Innovationen in verschiedensten Bereichen vorantreiben, die jetzt in der Corona-Krise stark beansprucht werden: Das Startup Reactive Robotics hat ein Bett entwickelt, das es ermöglicht, Intensiv-Patienten frühzeitig und aufrecht zu mobilisieren, um so verschiedene Muskelgruppen und den Kreislauf stärker zu aktivieren. Dadurch verkürzt sich insgesamt die Liegezeit auf der Intensivstation um bis zu 20 Prozent. Das spart Kliniken Zeit, Personal und letztlich Geld.

Habt ihr auch Unternehmen im Portfolio, die mit an Therapien arbeiten?

Klar, zum Beispiel Atriva. Das Unternehmen forscht an einem Therapeutikum gegen virus-induzierte Atemwegserkrankungen. Das Team arbeitet nun schon seit einigen Wochen mit dem aktuellen Corona-Virus, die ersten Tests sind wohl gut gelaufen. Ich drücke auf jeden Fall allen Teams weltweit die Daumen, die gerade gegen Covid-19 kämpfen.

Als Experte für den Life-Sciences-Bereich bist du vor allem fachlich aktuell stark involviert. Zum Abschluss aber noch eine persönliche Frage – was ist dein größtes Learning aus dieser Krisenzeit?

Mit ein bisschen Glück erkennt der Mensch nun, dass globale Probleme nur gemeinsam gelöst werden können. Und müssen. Epidemien sind nur eine Sorte davon.

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